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Beeindruckende Schneewechten: Am 4164 Meter hohen Breithorn gilt es, Sicherheitsabstand zum Absturzgelände zu halten.

Monte-Rosa-Runde im Wallis

Der Kopf schmerzt auf Spaghetti-Tour

Hochsommer ist Hochtourenzeit. Im Reich der Viertausender – wir haben eine Bergsteigergruppe bei der Monte-Rosa-Runde im Wallis begleitet.

„Aperol Spritz für acht Europro Glas“ – das Angebot auf der schwarzen Schiefertafel neben der Luke für die Essensausgabe klingt verlockend. Zugegeben: Acht Euro sind nicht gerade billig, aber jetzt nach der Anstrengung des Tages, nach all den Mühen, all dem Schweiß und noch rechtzeitig vor dem Abendessen die Beine von sich strecken und bei diesem fruchtig-herben Drink auf neue Lebensgeister warten – das hätte was! Wären da nicht diese leichten Kopfschmerzen, die einfach nicht vergehen wollen. Der Bauch sagt Ja zum Spritz, der Kopf sagt Nein zu Alkohol. Also gibt’s wieder Kamillentee aus der Thermoskanne und eine halbe Schmerztablette.

Novizen im Reich der Viertausender

Die schwarze Schiefertafel hängt in der gemütlichen, holzgetäfelten Stube der „Capanna Regina Margherita“ auf 4554 Metern Höhe. Die italiensche Berghütte ist die höchstgelegene Europas. Das Haus thront auf dem Gipfel der Signalkuppe, quasi als krönender Abschluss der Monte-Rosa-Ostwand, der längsten und berühmtesten Eiswand, die die Alpen zu bieten hat. Die Landesgrenze zur Schweiz verläuft nur einige Meter nördlich und westlich der Hütte. Wer einmal in einem Bett übernachten möchte, das 76 Meter über dem Gipfel des Matterhorns liegt, der ist auf der Margherita genau richtig.

Luft schnappen: auf dem Gipfelgrat der Ludwigshöhe.

Und übernachten wollen hier nicht wenige. In der kurzen Zeit im Hochsommer, in der die Schutzhütte mit ihren 70 Betten bewirtschaftet ist, zieht sie Hochtourengeher aus aller Welt magisch an. Bergsteiger, die in die faszinierende Welt der Eisriesen in den Walliser Alpen eintauchen wollen, die in einer knappen Woche auf einem Dutzend Viertausender der Monte-Rosa-Gruppe stehen. Bergsteiger wie Daniel (63) aus New Hampshire in den USA, der die Westalpen von zig Begehungen besser kennt als manch einheimischer Alpinist und der dennoch vor Glück strahlt, als er die Türe zur Margherita aufstößt. „A great moment, isn’t it?“, sagt er keuchend und entledigt sich seiner Steigeisen.

Der Schnee ist harschig, er knirscht unter den Füßen, so als kommentierte er jeden der langsamen Schritte an diesem frühen Morgen im Juli. So als wolle er einen zu einer schnelleren Schrittfolge verführen. Doch die Luft ist dünn hier oben im Bereich von 4000 Höhenmetern, der Atem geht schnell, zu schnell für höheres Tempo. Es ist 5.30 Uhr, die Sonne schiebt sich langsam empor, es verspricht ein strahlend schöner Tag zu werden.

Die Bergsteiger-Truppe aus Ebersberg und München ist auf dem Weg zum Il Naso (4272 m) und weiter zu Balmenhorn (4167 m) und Vincentpyramide (4215 m). Von der Quintino-Sella-Hütte (3585 m) sind die Männer – allesamt keine Hochtouren-Neulinge, aber Novizen im Reich der Viertausender – zusammen mit ihren beiden österreichischen Bergführern Hannes Leitner und René Guhl in zwei Seilschaften über den Lysgletscher gestapft.

Jetzt, am Fuße des Il Naso, ist kurze Lagebesprechung. Die Helme werden aufgesetzt, Kapuzen weit ins Gesicht gezogen, um gegen den beißenden Wind gewappnet zu sein. Hannes will an der steilen Flanke in kombiniertem Gelände aus Fels und Eis vorausgehen, Eisschrauben setzen und die nachfolgende Gruppe sichern. Wer wollte widersprechen? „Der Mensch gehört hier eigentlich nicht hin, er ist hier nur Gast“, lautet eine von Hannes’ Weisheiten über die lebensfeindlichen Bedingungen in der Gletscherwelt. „Der Mensch muss sich so bewegen, wie es ihm der Berg vorschreibt. Er befiehlt, wir gehorchen“, heißt eine andere. Na denn.

Jeder Fehltritt wird zum Problem

Der Gipfel des Il Naso erlaubt eine kurze Pause in der wärmenden Vormittagssonne, der Wind hat nachgelassen. Die Höhe gibt den Blick frei auf die Ziele des nächsten Tages auf Ludwigshöhe (4341 m), Parrotspitze (4432 m), Zumsteinspitze (4563 m) und Signalkuppe (4554 m). Doch auf die Gruppe warten erst noch Balmenhorn und Vincentpyramide sozusagen als „4000er für zwischendurch“.

Der Schnee ist weich geworden, das Gehen fällt den Oberbayern jetzt um die Mittagszeit immer schwerer. Der lange Gletscher-Hatsch vom Gipfel des Il Naso bis zum Balmenhorn mit seiner überlebensgroßen bronzene Christusstatue „Christo delle Vette“ zehrt an den Kräften, die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel. Der langsame Schritt, den die Bergführer vorgeben, macht den Marsch einigermaßen erträglich. „Ich habe Schneekristalle gezählt“, berichtet einer aus der Gruppe später scherzhaft über seinen Zeitvertreib und die Langeweile am Seil.

Diese ist bei der „Spaghetti-Tour“, wie die Viertausender-Runde im Monte-Rosa-Massiv angesichts der leckeren Pasta-Abendessen auf den italienischen Hütten auch genannt wird, allerdings nur von kurzer Dauer. Die spektakulären Momente überwiegen. Etwa der eine auf dem luftigen Gipfelgrat, der zur Parrotspitze führt. Bei dem Grat handelt sich um eine zwei Fuß breite Firnschneide, die die Blicke immer wieder nach unten ins weite Nichts, in den weißen Abgrund lenkt. Hier wird der Griff um den Pickel automatisch fester, die Kontrolle des eigenen Schritts genauer. Wer jetzt mit den Steigeisen in den Gamaschen hängen bleibt und stolpert, hat ein Problem. Oder anders gesagt: Er wird zu einem. „Wenn einer von euch einen Abflug nach links macht, springe ich zum Auffangen auf die rechte Seite des Grats und umgekehrt“, meint Bergführer René, der für diesen Notfall ein paar Extraschlingen Seil in der Hand führt. Wie beruhigend. Die Seilschaft steigt hinter ihm auf, vor und über sich die schmale Linie im Schnee, ganz viel blauen Himmel und sonst nichts.

René muss an diesem Tag nicht springen, die Überschreitung der Parrotspitze in Richtung oberer Grenzgletscher gelingt ohne Zwischenfälle, der Weg zur Signalkuppe mit der Margherita-Hütte und zur Zumsteinspitze ist frei. Nur noch knapp zwei Stunden trennen die Gruppe von der wärmenden Stube in Europas höchstem Loft. „Hierher kommst du nicht, um zu schlafen, sondern, um zu übernachten“, sagt später ein Gast angesichts der Schlafstörungen, die so manchen Bergsteiger in der großen Höhe in die Knie zwingen. Egal, es ist ja die letzte Nacht, am nächsten Tag wartet „nur“ noch der lange Abstieg über den Gletscher zur futuristisch anmutenden „Neuen Monte Rosa Hütte“ (2883 m). Durch mehrere imposante Spaltenfelder hindurch schlängelt sich der Weg aus dem schier endlosen Eis, bis endlich wieder Fels erreicht ist, bis die Steigeisen nach Tagen von den Füßen in den Rucksack wandern. Bis es nicht mehr weit ist zu einem Aperol Spritz. Irgendwo da unten in Zermatt – ganz ohne Kopfschmerzen.

Von Michael Acker

Bei Bergschulen kostet die Monte-Rosa-Runde zwischen 700 und 1200 Euro

Zahlreiche Bergschulen bieten die Monte- Rosa-Runde als geführte Hochtour an. Die Preise für eine fünf-bis sechstägige Tour schwanken erheblich – zwischen 700 Euro und 1200 Euro. Hinzu kommen pro Tag 50 bis 60 Euro für Hütten-Halbpension. Start und Ziel der Tour ist Zermatt. Von hier geht es mit der Seilbahn aufs Kleine Matterhorn 3883 und dann zu Fuß weiter aufs Breithorn (4164 m). In den nächsten Tagen folgen Pollux (4092 m), Castor (4223 m), Il Naso (4272m) , Vincentpyramide (4215m), Schwarzhorn (4321 m), Ludwigshöhe (4341 m), Parrotspitze (4436 m), Signalkuppe (4554) und Zumsteinspitze (4563 m).

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