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Vorzeigekirche im Rokoko-Stil: Die Wieskirche in Steingaden

Auf dem Weg zum Ich

„Kraft aus der Erde“, sagt Norbert Parucha, als er seine Fingerspitzen Richtung Boden streckt. „Kraft aus dem Himmel“, sagt er, als er den Körper aufrichtet und die Hände nach oben streckt.

Ein Deckenfresko von Johann Baptist Zimmermann aus dem 18. Jahrhundert. Es zeigt das Osterlicht.

„Kraft aus der Mitte“, sagt Parucha, als er die Hände vor der Brust faltet. Parucha ist Heilkundlicher Körperpsychotherapeut. Er begleitet meditative Wanderungen durch die Ammergauer Alpen. Oft beginnt er mit einem Körperritual, lädt ein zum Ausbruch aus dem Alltag. Parucha wünscht sich, dass Menschen sich ihrem Tun „bewusst“ werden. „Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens“, sagt Parucha. Was man erledigen will, solle man jetzt tun. Zum Beispiel Wandern. Das kann man gut auf dem Meditationsweg, der an der Wieskirche in Steingaden beginnt. Zu diesem Wallfahrtsort, einem Teil des Unesco-Weltkulturerbes, pilgern eine Million Besucher im Jahr. „Meist sind es anonyme Wallfahrer“, sagt Georg Kirchmeier. Er ist seit 37 Jahren Pfarrer der Wieskirche, heuer ist sein letztes dort. Er zeigt auf das im Rokokostil gehaltene Deckengemälde oberhalb des Ausganges der Kirche: das Tor zur Ewigkeit. „Wir sind alle Pilger, für die das Tor eine Tages aufgehen wird“, sagt er. Den Meditationsweg gibt es seit 2009. Wem die fünftägige Wanderung bis nach Schloss Linderhof zu lang ist, kann den Weg auch in einzelnen Etappen gehen – etwa bis zum Kloster Rottenbuch, eine von 15 Stationen auf der Strecke. Die erste Etappe ist zehn Kilometer lang. Sie beginnt an der Wieskirche und führt rechts vorbei am Parkplatz der Kirche. Nach einigen Metern stößt man auf einen Wegweiser mit mehreren Schildern. Das rote Schild mit dem gelben „Brennenden Herz“ weist die Richtung und begleitet den Wanderer von nun an auf der gesamten Strecke. Der Weg ist gut gekennzeichnet, zusätzlich findet man am Anfang und am Ende der Etappen jeweils ein Infoschild mit Gedanken zur Wieskirche und zum Kloster Rottenbuch.

Norbert Parucha an einer Infotafel, an der die Meditationswanderung beginnt.

Die Ruhe wird nur unterbrochen, wenn es nach Wildsteig einen Kilometer an der Bundesstraße entlanggeht. Für kleine Kinder ist der Abschnitt eher ungeeignet. Von der Wieskirche geht es vorbei an der Landvolkshochschule Wies nach Wildsteig. Dort kommt man zur Dreifaltigkeitskapelle und geht weiter zur Jakobskirche. Achtung! An dieser Stelle fehlt ein Wegweiser: Einfach rechts an der Jakobskirche vorbeigehen und links dem Schotterweg hinunter zur Lourdes- Grotte folgen. Diese kann man momentan nur von außen betrachten: Einsturzgefahr. Von hier geht es weiter durch den Ort, ein ungemütliches Stück an der Bundesstraße entlang und dann durch den Wald nach Rottenbuch. Kurz vor Rottenbuch „Am Wildsteiger Weg“ rechts abbiegen. Die Wanderung endet in der ehemaligen Stiftskirche. Wem schon die helle Wieskirche mit ihren Fresken und Wandgemälden gefällt, wird vom Anblick der Stiftskirche in Rottenbuch überwältigt sein. Die Baumeister haben jeden Zentimeter mit Stuck, Gold, Marmorengelchen, Heiligen und Malereien gestaltet. Und dazwischen immer wieder Herzen als Zeichen für die Liebe Gottes. Für diejenigen Wanderer, die die fünftägige Tour gewählt haben, geht es nach dieser Station weiter zum Soier See, zur Fatimakapelle, über das Hörnle, durch Oberammergau, vorbei am Kloster Ettal bis Linderhof. Parucha begleitet auch diese Wanderungen. „Für mich ist Meditationswandern, bewusst in der Schöpfung unterwegs zu sein“, sagt er. Er spüre, dass es ihm besser gehe, wenn er die Natur erlebe. Die Impulse auf der Strecke wählt er spontan aus. Wenn er eine Treppe hinuntergeht, fragt er: „Was geht in meinem Leben abwärts?“ Viele Impulse dieser Art gibt Parucha auf den Wanderungen. Er möchte, dass jeder nachdenkt und kurz aus dem Alltag herauskommt. Dafür muss man sich auf den Weg machen. Ein Weg, der vielleicht an der Wieskirche beginnt, nach Rottenbuch führt – und bei einem selbst aufhört.

Von Juli Vanessa Bewerunge

WIESKIRCHE BIS ROTTENBUCH

ANFAHRT – Bus und Bahn: Die Wieskirche ist mehrmals täglich mit dem Bus von den Bahnhöfen Füssen (Linie 73), Schongau (Umstieg am Feuerwehrhaus in Steingaden, Linien 9821 und Linie 73), Weilheim i. OB (Linie 9651) und Oberau (Linie 9606) aus erreichbar. Vom Endpunkt der Wanderung am Kloster Rottenbuch fährt ein Bus über Peißenberg zum Bahnhof Weilheim (Linie 9651).
 - Auto: Die Wieskirche liegt zwischen A95 und A7 und ist von beiden Richtungen aus erreichbar. A95 München – Garmisch-Partenkirchen, Ausfahrt Murnau. Über Saulgrub, Bad Bayersoien zur Wieskirche. Oder Ausfahrt Weilheim. Über Peißenberg, Peiting, Steingaden zur Wieskirche. Alternativ über die A7 – Ulm-Autobahnende, Ausfahrt Seeg. Über Roßhaupten, Lechbruck, Steingaden zur Wieskirche. Vom Kloster Rottenbuch bringt ein Bus (Linie 9651) die Wanderer zurück zum Parkplatz an der Wieskirche. Dieser Bus fährt täglich nur wenige Male – der letzte Bus fährt bereits um 13.36 Uhr in Rottenbuch ab. Unter Rufnummer 0 88 67/92 10 40 vorab über die Abfahrtszeiten informieren.

WANDERROUTE – Die Strecke Wieskirche bis Rottenbuch: 10,5 km. Wanderdauer: 3,5 Stunden. Wanderschuhe sind ratsam. Vom Portal der Wieskirche aus leicht bergab in Richtung des Parkplatzes. Unten an der kleinen Kapelle nach rechts an der Straße entlang weitergehen. Die Fahrstraße nach rechts einschlagen. Hier sind an einem Holzpfahl Wegweiser angebracht. Einer davon ist rot mit einem brennenden Herzen darauf und weist ab jetzt die Richtung. Weiter zur ersten Infotafel des Meditationsweges.

Dort in einen Pfad einbiegen, der zur Landvolkshochschule führt (etwa 500 Meter). Vor ihr rechts abbiegen, nach den Gebäuden dem Weg links in den Wald folgen. Auf der Forststraße bleiben. Nach 20 Minuten durch den Wald führt eine Brücke nach rechts über den Schwarzenbach. Hier abbiegen und den Weg bergauf durchs Wäldchen, dann rechts. Jetzt geht es bergab durch Wiesen, über einen Bach, dann links bergauf über den Wiesweg zum Ortsteil Holz, weiter nach Wildsteig. Beim Rathaus nach rechts in die Kirchbergstraße einbiegen, weiter bis zur Jakobskirche. Hinter ihr geht links ein Trampelpfad ab, der an der Lourdesgrotte vorbeiführt. Nach der Grotte den Dorfbach überqueren und die Riedstraße hinauf. Nach der Unterführung rechts abbiegen und diesem Weg folgen (etwa 1 Kilometer). Nach einem Kilometer führt ein nach links ansteigender landwirtschaftlicher Fahrweg weg vom Verkehrslärm. Jetzt sind es noch etwa 2 Kilometer bis zum Ortseingang Rottenbuch. Im Ort angekommen, liegt die Bushaltestelle für die Rückreise liegt direkt vor der Sparkasse.

EXTRATIPP – www.brennendes-herz.de: Alle Stationen des Meditationsweges. Weitere Infos und Führungen unter info@ammergauer-alpen.de und Tel. 08822 /92 27 40.

EINKEHR – Pension Café am Tor, Klosterhof 1. Tel. 08867/92 10 40, www.kunstcafe-rottenbuch.de

KARTE – Kompass WK 179 Pfaffenwinkel (1: 50 000).

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