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Tango-Tanzstunde in Buenos Aires (Argentinien)

Tango-Boom in Buenos Aires

Tango ist mehr als ein Tanz - und viele junge Leute in Buenos Aires studieren eifrig mittlerweile den traditionellen Volkstanz.

Ein Schuh mit spitzem Absatz streicht gefühlvoll über einen Turnschuh. Im Saal mit den bunten Lichtern mischen sich Glitzerkleidchen und Alltagsjeans. Hauptsächlich junge Menschen drehen sich eng aneinander geschmiegt über das Parkett der Milonga „Abrazando Tangos“. Der Tango boomt in Buenos Aires schon seit einigen Jahren: Neue Milongas, die abendlichen Tanzveranstaltungen, schießen in den Vierteln der Hauptstadt aus dem Boden, Konzerte mit Tangomusik sind gut besucht.

Der Boom des Tangos in Buenos Aires ist seit einigen Jahren unaufhaltsam.

„In den letzten Jahren sieht man viel mehr junge Menschen tanzen“, meint Matías Díaz. Er hat vor zwei Jahren mit seiner Partnerin Camila Fontán begonnen, „Abrazando Tangos“ zu veranstalten. „Wir wollten einen Raum schaffen, der anders ist als die traditionellen Milongas. Die Tänzer sollen sich untereinander kennen und frei von Kritik tanzen“, erklärt Fontán. Sie beklagt dabei den manchmal elitären Stil einiger Traditionalisten. „Wir wollen, dass die Leute einfach Spaß haben und genießen können.“ In ihrer Milonga versammeln sich dennoch sehr gute Tänzer.

Dies liegt daran, dass Díaz und Fontán Tango an der nationalen Kunstuniversität studieren und somit ihre Kommilitonen anziehen. Auch Candelaria César hat sich dieses Jahr neu für das Tango-Studium eingeschrieben und ist begeistert: „Mir gefällt besonders, dass das Studium so interdisziplinär aufgebaut ist. Neben umfangreichem Tanztraining schließt es auch theoretische Fächer wie Geschichte oder Sozialanthropologie ein. Denn Tango ist nicht nur ein Tanz, sondern ein soziales Konzept.“

Der Tango als traditioneller Volkstanz wird mit diesem Studiengang auf eine akademische Ebene gehoben. Diesen Unterschied betont auch Díaz: „Junge Menschen konzentrieren sich mehr auf das spezifische Erlernen des Tangos durch Kurse und Übungen und der Tanz wird immer komplexer. In der älteren Generation ist ein Learning-by-Doing wohl mehr verbreitet.“

Neue Milongas, die Abendveranstaltungen zum Tanzen, schießen in verschiedenen Vierteln aus dem Boden, Konzerte mit Tangomusik sind in der ganzen Stadt gut besucht.

Die eifrige Studentenschaft des Tanzes an der Universität hat schon große Talente hervorgebracht. Melisa Parra gewann sogar nach nur zwei Jahren Tango-Studium die Tango-Meisterschaft 2006 der Stadt Buenos Aires in der Kategorie Milonga, die schnellere Form des Tangos. „Der Tango bietet mir die Möglichkeit zu reisen. Häufig gebe ich Unterricht in Mexiko“, erklärt Parra. Die 29-Jährige begleitete 2004 ihren Vater zum Unterricht und war sofort überzeugt: „Wenn man einmal anfängt ist das wie eine Sucht! Man kann nicht mehr aufhören mit dem Tango!“

Dieses Gefühl teilen viele Tänzer. Christian Papa wollte vor sieben Jahren eigentlich nur ein Mädchen zum Unterricht begleiten, in das er verliebt war. „Der Tango bringt so viel mit, was einen nicht mehr loslässt“, schwärmt der 24-Jährige. Er hat sich sogar ein Bandoneon, das typische Tango-Instrument, auf ein Schulterblatt tätowieren lassen. „Die Energie der Umarmung ist einzigartig und ich mag auch sehr das soziale Ambiente einer Milonga. Man kann sich unterhalten, das geht in Discos nicht.“ Papa ist Elektriker und arbeitet nachmittags als Taxifahrer. „Oft fahre ich nach der letzten Taxifahrt direkt in eine Milonga. Das Gute ist, dass ich in den jungen Runden einfach in Turnschuhen und Jeans kommen kann“, lacht er.

Einige der jungen Tänzer haben Ambitionen, an Wettbewerben und Meisterschaften teilzunehmen. „Ich glaube, wir sind heute ehrgeiziger,“ sagt die 22-jährige César, „eines meiner Ziele ist es, an der Weltmeisterschaft teilzunehmen.“ Und Papa trainiert zur Zeit mit einer Freundin, um bei einem Amateurwettbewerb mitzumachen.

Der Tango hat eine große Bedeutung für den Tourismus. Und genau das führt auch zu Kritik. „Der Tango sollte nicht als Mode und Exportware angesehen werden“, wendet César ein, „Tango ist Kultur!“ Einer der Gründe warum sie Tango studiert ist, ihn später als Werkzeug der sozialen Integration zu verwenden. „Ich möchte gerne in Gemeindezentren arbeiten und Jugendlichen aus ärmeren Bereichen eine Integration in die Gesellschaft durch unsere Kultur ermöglichen.“

Sie ist mit diesem Ansatz nicht allein. Verschiedene Organisatoren möchten mit Milongas auf der Straße oder Veranstaltungen mit freiem Eintritt den Tango zurück in alle Viertel bringen. „Wir als Jugend möchten den Tango weiterentwickeln, ihm neue Energie geben. Doch er soll bleiben was er ist: Unser Tanz, der Menschen aus allen Lebenslagen und sozialen Schichten verbindet“, erklärt César.

Lea Richtmann, dpa

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