Woran es in Bayerns Kliniken krankt

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    • 27.01.13
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Immer mehr Häuser im Minus

Woran es in Bayerns Kliniken krankt

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München - Jede zweite Klinik in Bayern schreibt rote Zahlen. Doch warum rutschen immer mehr Krankenhäuser ins Minus? Ist das Management schuld oder der übermäßige Spardruck der Krankenkassen? Drei Beispiele aus der Region.

© dpa

Leere Betten stehen in einem Klinik-Zimmer (Archivbild).

Mit Sándor Mohácsi kam das Defizit – aber sicher nicht wegen ihm. Seit Anfang 2011 ist Mohácsi Vorstand des Kreiskrankenhauses Erding. Von der finanziellen Schieflage des 370-Betten-Hauses erfuhr der 47-Jährige allerdings erst nach seinem Antritt. Nun hat Mohácsi die unangenehme Aufgabe, das Klinikum rasch wieder in die schwarzen Zahlen zu bringen.

Auf der Suche nach den Ursachen für das Millionen-Defizit, holt Mohácsi aus. Da habe es etwa Streit um den Abgang eines Chefarztes gegeben. „Das hat dem Image geschadet“, räumt er ein. Das Defizit von 1,9 Millionen Euro, mit dem das Klinikum 2010 abschloss, lässt sich damit aber nicht erklären. Das Minus von 2,8 Millionen Euro 2011 erst recht nicht. Mohácsi verweist daher auf Politik und Krankenkassen. Sie haben ihm zuletzt schwere Brocken in den Weg gelegt. Aus Angst vor einem Milliarden-Defizit bei den Kassen beschloss Schwarz-Gelb 2010 ein rigides Sparprogramm für Kliniken. Mit den Folgen kämpft jetzt Mohácsi. Allein 2012 stiegen die Ausgaben um vier bis fünf Prozent. Die Erlöse kletterten dagegen nur um 1,3 Prozent – unter anderem aufgrund der Sparmaßnahmen.

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Erding ist nicht die einzige Klinik, die tief in die roten Zahlen gerutscht ist. Siegfried Hasenbein kennt die Probleme. Als Geschäftsführer der bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG) fordert er seit Jahren mehr Geld für Bayerns Kliniken. Doch Hasenbein ist kein lautstarker Kämpfer. Er setzt auf leise Töne – und harte Zahlen: 2010 meldeten 20 Prozent der Kliniken ein Minus, heute sind es 47 Prozent. Und die Prognosen sind düster. Auch in diesem Jahr rechnet knapp die Hälfte der Krankenhäuser mit einem Defizit.

„Die Kliniken leiden unter den kräftigen Tarifsteigerungen und Fehlern im Vergütungssystem“, sagt Hasenbein. Zwei Drittel der Klinik-Ausgaben sind Personalkosten. Sie stiegen zuletzt im Schnitt um drei bis vier Prozent – und damit deutlich stärker als die Einnahmen. So erhöhte sich das Budget der Krankenhäuser 2012 gerade mal um 1,48 Prozent. Der Zuwachs ist gesetzlich geregelt und orientiert sich an den Einnahmen der Kassen.

Zwei Drittel der Klinikausgaben sind Personalkosten

Der Spardruck der Kassen macht den Klinikchefs das Leben schwer. Lohnsteigerungen bei Ärzten und Pflegepersonal sieht das Konzept nicht vor. „Die Unterfinanzierung ist systemimmanent, weil die Steigerung der Erlöse gedeckelt ist“, klagt Mohácsi. Der Chef des Kreisklinikums Erding fordert daher dringend Korrekturen. Bis dahin setzt Mohácsi, der früher für einen privaten Krankenhausträger arbeitete, auf eigene Kräfte. Seine Strategie: Wachstum. Erding investiert daher unter anderem in einen Herzkatheter und eine Schlaganfallabteilung. Auch renommierte Ärzte sollen die Patientenzahlen steigern. 2012 lag die Zahl der stationären Patienten bei 16 600 – ein Zuwachs von gut 600 gegenüber dem Vorjahr.

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© Norbert HabschiedDas Klinikum Dachau setzt auf Ärzte mit Renommee.

Mehr Patienten ist gleich mehr Einnahmen: Auf diese Formel setzen viele Kliniken und bemühen sich, die Behandlungszahlen zu steigern. Der Hintergrund: Seit 2004 bekommen die Krankenhäuser für jeden Behandlungsfall eine feste Pauschale. Für eine Geburt ohne Komplikationen gibt es zum Beispiel exakt 2611,05 Euro. Für eine Hüftoperation zahlt die Krankenkasse 6903,06 Euro, eine Herztransplantation kostet 127 168,95 Euro. Die krummen Zahlen ergeben sich, weil es für jeden Eingriff einen bundesweit einheitlichen Faktor gibt – für die Hüftoperation liegt er etwa bei 2,234. Dieser Faktor wird mit dem Landesbasisfallwert des jeweiligen Bundeslandes multipliziert – in Bayern gilt für 2013 der Wert 3090 Euro. Der Landesbasisfallwert wird jedes Jahr mit den Krankenkassen neu verhandelt.

Vor der Einführung der Fallpauschalen wurden vor allem Krankenhaustage bezahlt. Es lohnte sich also, den Patienten möglichst lange in der Klinik zu behalten. Heute ist dagegen die Zahl der Behandlungsfälle die entscheidende Stellschraube. Das Problem: Das Gesamtbudget für die Kliniken ist gedeckelt. Erhöhen einzelne Krankenhäuser die Behandlungszahlen, sinkt für alle der Preis pro Behandlung.

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„Die Kollektivhaftung muss ein Ende haben“, wettert Hasenbein. Das Vergütungssystem schaffe falsche Anreize. Seine Forderung: „Ein bedarfsgerechtes wirtschaftliches Krankenhaus muss sich aus dem Behandlungspreis finanzieren.“ Das heißt: Nicht die Steigerung der Behandlungszahlen wird belohnt, sondern solides Wirtschaften. Aber auch Bayerns Krankenkassen müssten mehr zahlen, mahnt Hasenbein. Die Abschaffung der Kollektivhaftung würde bis zu 80 Millionen Euro im Jahr kosten. Nicht allzu viel – im Vergleich zu den neun Milliarden Euro, die die Kassen jedes Jahr an Bayerns Kliniken überweisen.

© Hans MoritzErding investiert in neue Abteilungen.

Rund 370 Krankenhäuser gibt es derzeit in Bayern. Vor zehn Jahren waren es noch gut 400 (siehe Grafik). Auch die Zahl der Klinikbetten ist seit 2000 von gut 83 000 auf 75 800 Betten gesunken. Dennoch liegt die Auslastungsquote der Klinikbetten nur bei etwa 77 Prozent. Die Zahl der Behandlungen nimmt dagegen seit einigen Jahren stetig zu. 2011 waren es 2,81 Millionen Patienten in Bayern. Hasenbein begründet dies mit der älter werdenden Bevölkerung und dem medizinischen Fortschritt. Selbst Hochbetagte würden heute operiert, für die ein Eingriff früher oftmals zu gefährlich war.

Mehr Geld für klamme Kliniken – die Krankenkassen weisen dies strikt zurück. Die Mehrheit der Krankenhäuser schreibe schwarze Zahlen oder sogar Gewinn, sagt Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). „Da kann man wohl kaum von einer generellen Unterfinanzierung sprechen.“ Nicht jede Wald-und-Wiesen-Klinik müsse jede Spezialoperation anbieten, so Lanz. „So lange jedes fünfte Klinikbett leer steht, müssen erst die medizinisch nicht notwendigen Überkapazitäten abgebaut werden, bevor nach noch mehr Geld gerufen werden kann.“ Das heißt: Kliniken mit sehr niedriger Auslastung müssten geschlossen werden.

Kurioses aus der Klinik am Frankfurter Flughafen

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vor

© Andrea JakschStarnberg positioniert sich als Regionalversorger.

Aber nicht alle Krankenhäuser rufen nach mehr Geld. Beispiel Klinikum Starnberg. Bis 2005 schrieb das Haus über fast zehn Jahre rote Zahlen. Es folgten Diskussionen über eine Privatisierung der kommunalen Einrichtung. Dass man sich auf diesem Weg gesundstoßen kann, zeigt der Fall Dachau (siehe unten). Doch Starnberg entschied sich anders – für einen Wechsel an der Spitze und ein neues Konzept. Seitdem geht es aufwärts.

Wie viel Gewinn das Klinikum heute macht, will Geschäftsführer Thomas Weiler nicht verraten. „Da würden wir uns Feinde machen.“ Die letzte bekannte Zahl stammt aus dem Jahr 2010. Damals verdiente das Krankenhaus 7,15 Millionen Euro. Heute spricht Weiler lieber über sein Erfolgsrezept. Es lautet: Konzentration auf das Kerngeschäft der Grund- und Regelversorgung. Dafür strich der Geschäftsführer überflüssige und oft teure Exklusiv-Leistungen. „Wir sind nicht Versorger für Patienten aus Dubai. Wir sind ein Regionalversorger.“ Die Zahlen geben ihm Recht: 18 600 Patienten nahm die Klinik 2012 stationär auf – fast 4000 mehr als 2005.

Starnberg setzt auf Wachstum und kaufte die Klinik in Penzberg

Während andere Kliniken Personal entlassen mussten, stellte Weiler neue Mitarbeiter ein. Die Zahl kletterte seit 2005 von 550 auf über 700 Ärzte und Pflegekräfte. Doch damit nicht genug: 2012 übernahm Starnberg das Krankenhaus in Penzberg. Der Hintergrund: Weil immer mehr Patienten nach Starnberg strömten, drohten Engpässe. Die Grundversorgung für die Region war in Gefahr. Penzberg – damals tief in den roten Zahlen und nur zu 50 Prozent ausgelastet – sei der „ideale Partner“ gewesen, erläutert Weiler.

Die Übernahme des kommunalen Hauses stand lange jedoch auf der Kippe. Finanzstarke private Träger mischten mit. Erst Anfang 2012 entschieden die Kreistage Starnberg und Weilheim-Schongau, dem Starnberger Klinikum den Zuschlag zu erteilen – für einen symbolischen Preis, wie man munkelt. Dafür garantierte Weiler, den Standort Penzberg in kommunaler Hand zu lassen. Und zu investieren, etwa in die Sanierung der Operationssäle.

Die Expansion hat sich gelohnt. „Wirtschaftlich sind wir pumperl gsund“, sagt Weiler. Bleibt die Frage, wie lange noch. Auch Starnberg kämpft mit höheren Ausgaben. Seit 2005 musste Weiler Kostensteigerungen von bis zu sieben Prozent im Jahr verkraften. Im Vergleich zum Erlös klaffe jährlich eine Lücke von etwa drei Prozent, so Weiler. „Das Wasser steigt permanent. Derzeit steht es uns an der Brust.“

Von Steffen Habit und Marcus Mäckler

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Tutzinger27.01.2013, 21:37
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Das Gesamtbudget für die Kliniken ist gedeckelt.

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