328.07.10|FC Bayern|FC Bayern|
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München - Sportdirektor Christian Nerlinger spricht im zweiten Teil des großen Interviews mit dem Münchner Merkur über die Zusammenarbeit mit Trainer van Gaal, die Bayern-Philosophie und seinen Spieler der Saison.

© dpa
Christian Nerlinger.
Herr Nerlinger, sind Sie, ist der FC Bayern gerade dabei, eine große Ära einzuläuten?
Wie schwer fällt es Ihnen eigentlich persönlich, manchen Spielern mitteilen zu müsssen, dass sie ab sofort kein Teil dieser Zukunft mehr sein können?
Wichtig ist da Geradlinigkeit und Offenheit. Eiertänze sind immer schwierig, du kannst einen Spieler nicht loben und ihm die goldene Zukunft versprechen, wenn er sie nicht hat. Man muss den Spielern einen Wink geben. Unzufriedene sorgen oft genug für Unruhe. Wir respektieren Verträge. Wir sagen aber immer klipp und klar: Pass aus, das hier ist deine Perspektive. So, dass der Spieler damit umgehen kann. Nicht, dass er in eine Schockzustand verfällt, wenn sich Dinge aus seiner Sicht schlecht entwickeln.
Zu einer Ära gehört Kontinuität auf dem Trainer-Posten. Wie groß ist Ihre Sorge, dass van Gaal im Sommer 2011 aufhört?
Ich habe da keine Sorge. Dass er mal Nationaltrainer werden will, steht ihm zu, weil man da schon eine andere Lebensqualität hat als im Tagesgeschäft. Aber ich bin guten Mutes, dass er bleibt, wenn es so weiter läuft. Und München ist ja auch eine Stadt, in der man sich wohlfühlen kann.
Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und dem Coach - gerade in Sachen Transfers?
Das Wichtigste ist zunächst mal die Analyse: Wie sieht der Istzustand der Mannschaft aus? Wo müssen wir aktiv werden? Da werden die Voraussetzungen geschaffen. Wenn man ein Strukturproblem hat, muss man es sehr teuer bezahlen. Mal kommt von ihm ein Zuruf, häufig aber von unserer Scouting-Abteilung, mit der ich eng zusammenarbeite und die den Markt weltweit in- und auswendig kennt. Dieses Jahr werden wir nicht aktiv – ein Beweis dafür, dass wir eine intakte Truppe haben. Wir haben mit Toni Kroos einen Top-Sppieler zurück und vertrauen auf die Mannschaft. Ich halte nichts von Aktionismus, sondern viel mehr davon, Dinge zu tun, hinter denen man auch wirklich steht.
Sind Sie eigentlich überrascht, wie schnell sich der FC Bayern letzte Saison neu erfunden hat?
Das ist etwas überzogen, es so auszudrücken. Aber der FC Bayern hat eine Art des Fußballls entwickelt, die nicht auf irgendwelchen Zufällen beruht, sondern bei der jeder weiß, so spielt der FC Bayern.
Dieser "van-Gaal-Fußball" soll nun auch auf alle Junioren-Teams des FC Bayern übertragen werden. Findet bei Ihnen gerade eine Revolution statt?
Man darf Dinge nicht blind an einen Cheftrainer koppeln. Man muss davon auch selber überzeugt sein. Wir arbeiten in der Jugend eine eigene Identität heraus. Der größte Fehler wäre es, wenn ein Trainer auf van Gaal folgt, der dann wieder mit Medizinbällen Treppenläufe absolvieren lässt. Für den FC Bayern ist es wichtig, ein Philosophie zu entwickeln, die auch nach der Ära van Gaal einigermaßen in die nun eingeschlagene Richtung geht. Das schafft der FC Barcelona auch. Eines muss man aber auch sagen: Wir können mit dem Ergebnis der Jugendarbeit im letzten Jahr nicht zufrieden sein. Wenn ich sehe, wie unsere Mannschaften abgeschnitten haben, müssen wir einfach besser werden als FC Bayern. Es ist kein Argument, dass die individuelle Ausbildung im Vordergrund steht und man dafür Zehnter wird. Bei Bayern muss ich beides schaffen.
Der Jahrgang nach Thomas Müller und Holger Badstuber kommt schwach daher. Wie groß ist dieses Ärgernis für die Profis?
Man kann nie garantieren, dass wir jedes Jahr zwei oder auch nur einen Spieler in den Profikader integrieren. Aber trotzdem: Es muss hier ein gewisses Niveau gegeben sein.
Einer der es nach einem kleinen Umweg über Leverkusen auch auch geschafft hat, ist Kroos. Wie bewerten Sie seine Entwicklung?
Sehr gut. Er kann die zentrale Position spielen wie in Leverkusen. Er wird ein Gewinn für uns, weil er eine fußballerische Qualität hat, die es nicht so häufig gibt. Zudem ist er mit 20 Jahren mental sehr stark. Ich finde, dass es ein Super-Ausleihgeschäft war, von dem alle Seiten sehr profitiert haben.
Aber wo sehen Sie seinen Platz, die Konkurrenz ist mit Ribery, Robben und Müller doch überaus prominent besetzt...
Ja, aber wir können nicht nur elf Spieler im Kader haben.
Angesichts dieser qualitativen Auswahl: Wäre ab und zu nicht das alte Rotationsprinzip eine Idee?
Das ist eine Philosophie-Frage. Louis van Gaal setzt einfach mehr auf Automatismen, hat auch sicher eine andere Art. Ottmar Hitzfeld ist wie van Gaal ein Weltklasse-Trainer, nur gehen beide halt unterschiedliche Wege. Hitzfeld ist sehr über Intuition und Gespür gekommen. Van Gaal ist einer, der ein Modell im Kopf hat, dieses kommunizieren und im Training erarbeiten kann. Ich glaube nicht, dass er viel rotieren wird.
Wird Kroos Probleme haben, weil er van Gaals Philosophie nicht kennt?
Spieler wie Kroos haben mit van Gaal kein Problem, weil sie so eine außergewöhnliche fußballerische Klasse haben.
Einen anderen Spieler haben Sie zuletzt auch sehr gelobt: Diego Contento.
Ja, das stimmt. Er muss jetzt den nächsten Schritt machen. Er hat letztes Jahr 14 Einsätze gehabt und sehr gut gespielt. Wenn er jetzt den Rhythmus bekommt und die Sicherheit hat, dass er spielt, wird er ein sehr guter Spieler für uns, auf den wir uns auch verlassen können. Er ist schnell, er hat eine sehr gute Technik, ist defensiv wie offensiv stark.
Wie sehr freut Sie die Entwicklung von Bastian Schweinsteiger – als er in der Vorrunde ein paar Mal ausgepfiffen wurde, haben Sie sich demonstrativ auf seine Seite geschlagen.
Ich glaube, er hat den größten Sprung in seiner Entwicklung gemacht. Ich habe bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt gesagt, dass er für mich der Beste in Europa ist. Da wurde ich noch belächelt. Aber er hat nicht zuletzt bei der WM noch einen drauf gesetzt und ist eine absolute Führungspersönlichkeit geworden.
Ist er jetzt schon weltklasse? Ist er vergleichbar mit Iniesta und Xavi?
Ja, das denke ich schon. Er hat vielleicht nicht diese Gewandtheit und Leichtfüßigkeit, aber dafür eine unglaubliche Robustheit. Im Defensivverhalten verliert er keinen Zweikampf. Ich sehe ihn in der absoluten Spitzenklasse.
Verraten Sie, wieviele Angebote es für ihn gab?
Damit sowas entsteht, muss ja erst mal eine Seite offen sein. Ich glaube nicht, das Bastian offen ist für Offerten – und wir sind es ebensowenig. Anfragen werden gleich im Keim erstickt. Wir haben stets klar zu verstehen gegeben, dass die Spieler, die bei uns gesetzt sind, unverkäuflich sind.
Mario Gomez ist hingegen nicht gesetzt. Uli Hoeneß sagt, er muss die Eiger Nordwand erklimmen. Bekommt er von Ihnen Steigeisen – oder kann er sich nur selber helfen?
Er bekommt von uns jegliche Unterstützung. Aber letztlich, auf dem Platz, kann er nur selbst für sich arbeiten. Er hat das eine Jahr bei Bayern hinter sich, er weiß jetzt, was auf ihn zukommt und wie der Verein funktioniert. Es wird schwer, weil es für ihn eine ganz neue Situation ist. Aber er muss die positiven Dinge sehen: Letztes Jahr hat er eine Phase gehabt, die gut für ihn gelaufen ist. Das wird schnell vergessen, aber es war eine wichtige Phase, er hat wichtige Tore gemacht und sich immer sauber verhalten. Das rechne ich ihm sehr hoch an.
Ist diese Saison bereits seine letzte Chance?
Es ist natürlich klar, dass er seine Chance jetzt nutzen und einen Neustart machen muss, nachdem er nach seinem Faserriss den Weg nicht mehr zurück gefunden hat, auch weil Ivica Olic eine sehr gute Saison gespielt hat. Aber „letzte Chance“ ist mir zu dramatisch. Es ist nur klar: Wir sind ein Topklub und haben im Sturm hohe Konkurrenz – wenn ich sehe, dass Müller WM-Torschützenkönig wurde, Miro Klose eine starke WM gespielt hat und dazu die Leistungen von Olic nehme.
Muss der FC Bayern, so wie er sich aktuell präsentiert, eigentlich noch zum FC Barcelona aufschauen?
Ich glaube, dass der FC Barcelona im Vergleich zu allen Vereinen noch den einen entscheidenden Schritt voraus ist. Das haben sie geschafft, weil sie so kontinuierlich an ihrer Philosophie festgehalten und seit Jahren keine massiven Richtungswechsel vorgenommen haben. So konnte sich ein Team entwickeln, das fantastischen Fußball spielt. Bei allen anderen Top-Klubs auf europäischer Ebene sehe ich uns aber auf Augenhöhe.
Wie steht es um die Bundesliga generell: Befindet sie sich auch auf Augenhöhe mit Europas Top- Ligen? Oder muss die Konkurrenz gar langsam nach Deutschland schielen?
Es wurde hier in den letzten Jahren sehr gut und vernünftig gewirtschaftet. Was Stadionsituation und Zuschauerinteresse betrifft, sind wir sicher einzigartig. Italiens Serie A hat gravierende Probleme. Die englische Liga steht zwar auf einem sehr hohen Niveau, aber wenn man sieht, wie die Vereine da das Heft aus der Hand gegeben haben, ist das nicht beneidenswert. In der spanischen Liga wird die Luft dünn, wenn man mal die beiden Spitzenklubs wegnimmt. Die Bundesliga wird, denke ich, die nächsten Jahre die Führungsrolle einnehmen.
Interview: Andreas Werner
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