Jupp Heynckes blinzelt in die Scheinwerfer der Kameraobjektive, aber es stört ihn nicht. Bevor es losgeht, rückt er routiniert eine Bierflasche des Sponsors vor sich auf dem Podium zurecht. Der 67-Jährige kennt sich aus mit großen Spielen.
Ziemlich bald will ein Reporter wissen, wie es sich anfühlt, in einem K.o.-Spiel gegen Borussia Dortmund anzutreten – der Gegner im Pokalviertelfinale sei schließlich ein Angstgegner der Münchner. Heynckes wartet das Ende der Frage gerade so ab, aus Höflichkeit, die Replik folgt dann umgehend: „Angstgegner können Sie vergessen – so etwas kennen wir hier nicht.“
Das Spiel heute wird zeigen, ob an der Säbener Straße einfach nur Verdrängungsmechanismen auf Hochtouren laufen. Sechs der sieben letzten Duelle konnten die Münchner nicht gewinnen, und auch wenn der Rekordmeister vor der Neuauflage zurecht auf eine neue Ausgangslage verweist, ist Skepsis erlaubt, wenn Heynckes den Begriff Angstgegner im BVB-Fall zum Tabu erklärt.
Die Bayern können dieses Mal auf jeden Fall eine psychologisch bessere Ausgangslage für sich reklamieren. In der Liga führen sie 17 Punkte vor dem Konkurrenten, im Sommer gewann man im Supercup 2:1, in der Hinrunde trennte man sich 1:1, auch, da Roman Weidenfeller im Borussen-Tor über sich hinauswuchs. Dass das Spiel in der Allianz Arena stattfindet, ist auch ein Vorteil, doch es gibt auch gute Gründe für Dortmunder Hoffnungen, vor allem, weil die Borussen in Bestbesetzung angereist sind, während Franck Ribery bei den Bayern den ersten Teil seiner auf zwei Pokalpartien taxierte Rotsperre absitzt.
Natürlich ist der Ausfall der Franzose eine Schwächung, sagt Heynckes, aber auch hier verweist der Coach auf neue Rahmenbedingungen: Arjen Robben sei körperlich super in Fahrt und brenne auf seinen Einsatz („ganz egal, ob rechts oder links“). Man will sich nicht aufhalten mit Personalien, auch nicht mit so wichtigen wie der Personalie Ribery, weil das zum Selbstverständnis des Klubs gehört, das sich in den vergangenen Monaten wieder dem durch zwei Dortmunder Meisterschaften untergrabenen „Mia san mia“ angenähert hat.
Heynckes teilt die Meinung vieler übrigens nicht, dass der BVB letztlich der Katalysator war auf dem Weg, sich neu erfinden zu müssen. „Natürlich waren die letzten zwei Jahre für den FC Bayern schwer zu verkraften, und das Pokalfinale im Frühjahr war zum Beispiel ohne Zweifel bitter“, sagt er, „aber der Knackpunkt war das verlorene Endspiel in der Champions League. Danach haben wir alles analysiert, denn das hat wirklich weh getan.“ In der Folge wurde Matthias Sammer anstelle von Christian Nerlinger in der Führungsetage installiert, dazu wurde der Kader opulent optimiert. „Wir haben Charaktere und Qualität hinzubekommen“, sagt Heynckes, „das sieht man uns jetzt an.“
Wichtig wird sein, das auch heute zu zeigen. Es geht um einen Titel, es geht aber auch um die Kräfteverhältnisse im deutschen Fußball. Weniger geht es inzwischen um Romantik – die Dortmunder haben mit dem Zukauf von Marco Reus ebenfalls begonnen, im Zweifel mal auf Kaufkraft zu setzen. Heynckes findet, die Herausforderung BVB bekäme den Münchnern gut: Wenn es einen starken Gegner gibt, würden sich die Fans wieder mehr über Titel freuen – Titel seien viel zu sehr zur Selbstverständlichkeit geworden. Die Kameras liefen, die Scheinwerfer brannten, doch Heynckes blinzelte bei dieser Aussage kein bisschen.
Andreas Werner

















