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Bastian Schweinsteiger.

"Fußball aus dem Lehrbuch"

Vor Pokal-Kracher: Die Bayern in Versuchung

London - Nach der Gala-Vorstellung in der Champions League gegen den FC Arsenal heißt es für den FC Bayern: Träumen verboten. Am wichtigsten ist ab sofort das „ganz große Spiel“ - im Pokal gegen den BVB.

Die Versuchung wird immer größer. Die Versuchung, stolz zu sein auf das, was schon erreicht wurde. Und davon zu träumen, was noch möglich sein konnte.

In London haben die Bayern sich ein wenig treiben lassen. Einen „Superstart und besonders in der ersten Halbzeit ein exzellentes Spiel“ sah Trainer Jupp Heynckes. „Wir spielen eine großartige Saison, aber die ersten 30 Minuten haben alles noch getoppt, das war die beste Saisonleistung“, meinte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge. „Das war Fußball aus dem Lehrbuch. Ich habe lange keine Bayern-Mannschaft gesehen, die so gut gespielt hat. Besser geht es eigentlich nicht“, gestattete sogar Präsident Uli Hoeneß sich eine Schwärmerei. Doch kaum waren die Worte des Lobpreises gesprochen, erschraken die Bayern-Verantwortlichen schon darüber. Denn die Politik ist eine andere geworden: sich nicht zu Ansagen verleiten lassen.

Vor allem nicht in London, wo das 2013er-Finale der Champions League stattfinden wird, im Wembley-Stadion. Erstmals hat der FC Bayern ein Europacupspiel in London gewonnen, das darf, auch wenn die Probleme von Gegner FC Arsenal unübersehbar sind, immer noch als etwas Besonderes gelten – doch man tut so, als sei das, was in gut drei Monaten sein könnte, eine Vision für ein anderes Leben. Einstudierter Satz: „Es wird ein langer und steiniger Weg sein.“ Ja, noch nicht einmal das Achtelfinale, wo sie mit einer 3:1-Ausstattung ins Rückspiel in München gehen, wollen sie offiziell als erledigt werten, die Bayern. „Wir müssen auch das Rückspiel mit Respekt bestreiten“, fordert Rummenigge. Und die Spieler nehmen das an. Der zweite Teil des Achtelfinales reine Formsache? „Auf diese Frage werde ich nicht eingehen“, sagt Thomas Müller.

„Wer nach diesem Spiel meckert, muss im falschen Film gewesen sein“, findet Karl-Heinz Rummenigge zwar – doch auch ihn beschäftigt der Gedanke, wie es sein wird, wenn am Mittwoch „das ganz große Spiel“ ansteht. Es ist nur ein DFB-Pokal-Viertelfinale – aber es ist gegen Dortmund. Und es ist das Schlüsselspiel für den weiteren Verlauf der Saison. In der Champions League kann man ab dem Viertelfinale dem nationalen Rivalen weitere Male begegnen. Der BVB könnte wie die vergangenen beiden Jahre zur albtraumhaften Erscheinung für die Bayern werden.

Es ist kurios, wenn ein Achtelfinale in der Königsklasse zur Standortbestimmung vor einem Spiel im unwichtigeren deutschen Bewerb wird – doch genau so sind die Verhältnisse. Obwohl das 3:1 bei Arsenal vom Gesamteindruck ein Glanzstück war, so haben die Bayern doch eine Ahnung bekommen, was mit Dortmund auf sie zukommt. Arsenal hat die Münchner gefordert. „Das ist keine Laufkundschaft“, meint Kapitän Philipp Lahm. „Wir haben gewackelt“, gestand Thomas Müller, auf die Phase zwischen 2:1 und 3:1 eingehend. In der Abschlussstatistik hatten die Engländer mehr Torschüsse (9:8), mehr Ballbesitz (55:45 Prozent).

Wenn man sich dann vorstellt, dass Marco Reus, Mario Götze und Robert Lewandowski noch einen Tick mehr individuelle Klasse haben als Arsenals Anführer Wilshere, Cazorla und Walcott und dass die Dortmunder Abwehr hingebungsvoller verteidigen kann als die der Londoner, dann weiß man, warum die Bayern noch vorsichtiger geworden sind. Es ist im Emirates Stadium schon wirklich optimal gelaufen. Rummenigge: „Wir haben die Tore in den entscheidenden Momenten gemacht.“ Das kann auch mal anders sein.

Die Bayern müssen die Konzentration hochhalten, „in der Halbzeit in London“, berichtete Manuel Neuer aus der Kabine, „war eine gewisse Unruhe da“. Danach haben sie auch tatsächlich das erste Gegentor seit 14. Dezember bekommen und erkennen müssen, „dass so etwas schnell passieren kann“ (Thomas Müller). Auch in einem „Klassespiel“ (Rummenigge).

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Der Bayern-Boss hat hinterher, als alle zusammensaßen, den Blick durch den „Great Ballroom“ des Hotels „The Landmark“ schweifen lassen. Ja, man würde gerne zurückkommen an diesen Ort, „der auch ein historischer ist. Die deutsche Nationalmannschaft hat hier 1996 die EM, den letzten Titel, gefeiert.“ Da war sie wieder: die Versuchung.

Von Günter Klein

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