München – Vor genau einem Jahr hat Christian Nerlinger, 37, als Sportchef des FC Bayern angefangen. Am 1. Januar zog sich Uli Hoeneß endgültig vom Manager-Posten zurück, die Verantwortung des Ex-Profis wächst und wächst. Im Gespräch mit unserer Zeitung zieht er ein erstes Fazit.

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„Ich finde es schön, wenn Dinge funktionieren“: Bayern-Sportchef Christian Nerlinger über das, was ihn vor allem anderen antreibt.
-Herr Nerlinger, vor einem Jahr lautete das Motto zu Ihrem Dienstantritt: Erst lernen, dann freischwimmen. Brauchen Sie noch Schwimmflügel?
(grinst) Mein Gradmesser ist der Erfolg der Mannschaft. Das erste Jahr ist sehr gut gelaufen. Aber das ist nicht der Verdienst einer Person. Es ist für mich sehr wertvoll, bei so einem Klub wie dem FC Bayern zu arbeiten. Wenn man sich im Fußball umsieht, wird man nicht viele so gut organisierte Vereine finden. Ich bin nicht daran interessiert, hier aufzutreten wie der große Zampano – ich möchte Stück für Stück reinwachsen. Und dieser Prozess ist sicherlich noch nicht abgeschlossen.
-Wie sehr hat sich Ihr Leben durch diese neue Position eigentlich geändert?
Es ist ein Job, in dem du immer flexibel sein musst und immer bereit stehen musst. Natürlich nimmt man sich am Sonntag auch mal frei für die Familie. Aber wenn ein Spiel der zweiten Mannschaft ansteht oder etwas anderes, hat man schon mal sieben Tage pro Woche zu tun, das ist normal bei einem Klub wie Bayern. Hier gibt es so viele verschiedene Facetten, man ist sehr beansprucht. Und wenn man die starken Persönlichkeiten dieses Klubs anschaut, dann kann man sich vorstellen, dass es ein intensives Arbeiten ist. Hinzu kommt die öffentliche Aufmerksamkeit und massiver Erfolgsdruck.
-Bei Ihnen ging es praktisch von Null auf 100. In einer Phase, in der der Klub neu sortiert wurde, hatten Sie eigentlich für ein Praktikum vorgesprochen, stiegen dann aber im Eiltempo auf. Gab es Zeit, sich vorab diesen Sportchef-Job mal vorzustellen – wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Naja, ich habe den FC Bayern ja bereits als Spieler erlebt. Aber wenn so weitreichende Veränderungen bei einem großen Verein anstehen, weiß niemand so genau, was auf einen zukommt. Das war für mich eine neue Situation, es war für Uli Hoeneß eine neue Situation sowie auch für die Vorstände Karl-Heinz Rummenigge und Karl Hopfner. Ich glaube, wir haben alles ganz ordentlich gemeistert.
-Zum Amtsantritt sagten Sie, Sie hätten kein Regierungsprogramm. Hat sich daran was geändert?
Nein. Der FC Bayern ist nicht nur sportlich und wirtschaftlich ein enorm erfolgreicher und vorbildlicher Klub, sondern darüber hinaus auch ein sehr, sehr emotionales Gebilde. Das muss man spüren, und da muss man manchmal situativ handeln. Aber es gibt grundsätzliche Elemente: Ich versuche, den Spielern offen und ehrlich gegenüberzutreten, weil ich das auch aus meiner eigenen Spielerkarriere als den besten Weg erfahren habe. Zudem sind für mich die internen Strukturen wichtiger als die öffentlichen. Ich will, wenn es nötig ist, Spieler, Trainer und Vorstand zusammen bringen. Das ist für mich das Wesentliche.
-Ist es für Sie eigentlich denkbar, auch mal bei einem anderen Verein als Sportchef zu arbeiten?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe das Studium der Betriebswirtschaftslehre nicht mit dem Ziel angetreten, irgendwann ins Management eines Fußballklubs zu gehen. Ich habe es studiert, um des Studierens willen. Dann hat es hier eine intensive, persönliche Entwicklung mit Uli Hoeneß gegeben, das war das Ausschlaggebende.
-Würden Sie Ihr Verhältnis zu Uli Hoeneß als Freundschaft bezeichnen?
-Was treibt Sie an? Oliver Kahn sagte mal, beim FC Bayern sei man gefräßig – haben Sie das auch in sich, diese Gier nach Titeln?
Ich finde es zunächst sehr schön, wenn Dinge funktionieren. Man kann ja Titel anstreben, aber was man eigentlich anstreben muss, ist eine funktionierende Mannschaft. Und da gehört viel dazu. Außerdem zeigt ja immer wieder das Beispiel Real Madrid, wie schwer es ist, einen internationalen Titel zu holen: Die haben wirklich alles versucht, es ist zuletzt stets gescheitert.
-Ganz ehrlich: Wäre es dennoch nicht ein Ziel, mal mehr Titel auf dem Konto zu haben als Hoeneß?
Nein, ich befinde mich da ja in keinem Konkurrenzkampf. Und ich weiß auch nicht, ob es mir auch vergönnt ist, so lange im Amt zu bleiben. Ich genieße jetzt einfach die Zeit und freue mich, dass wir auf einem sehr guten Weg sind. Wir haben attraktiven, erfolgreichen Fußball gespielt und haben hohe Sympathiewerte erzielt. Das macht Spaß, da wollen wir weiter machen.
-Wie gehen Sie mit den Ärgernissen der Branche um?
Gerade jetzt am Gardasee wurden Sie mit vielen haltlosen Wechselgerüchten konfrontiert . . . Ich glaube zunächst, dass es wichtig ist, dieses Geschäft zu kennen. Da ist es gut, dass ich es auch als Aktiver erlebt habe. Ich verstehe den Druck der Medien: Jeden Tag wacht ein Journalist auf und hat ein weißes Blatt Papier vor sich, das gefüllt werden muss. Der Agent wacht jeden Tag auf und will irgendein Geschäft machen, einen Spieler an den Mann bringen. Dann werden Gerüchte geschürt. Das gehört dazu. Solange es nichts Bösartiges ist, kann ich damit leben. Es liegt da aber auch an unserer Gesellschaft – niemand akzeptiert heute doch noch ein „Zwischendrin“. Es gibt oft nur mehr weiß und schwarz, den Helden und den Versager. Und in diesem Spannungsverhältnis bewegt man sich dann. Wenn wir unseren Liga-Auftakt gegen Wolfsburg verlieren, brennt der Baum. Dann ist alles vergessen, was letzte Saison war.
-Ist es auch ein bisschen Ihre Aufgabe, die Stimme der Vernunft zu sein in diesem verrückten Umfeld?
Ich versuche es. Ich habe als Spieler immer versucht, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das bedeutet für mich, Leistung zu bringen und professionell zu arbeiten.
-Gibt es etwas, was Sie an Ihrem Job des Sportdirektors nervt? Lassen Sie es hier ruhig mal raus . . .
(schmunzelt) Wenn man eine junge Familie hat (die Söhne Vincent und Quirin zählen zwei Jahre bzw. sechs Monate/d. Red.), ist der Zeitaufwand sicher ein Faktor. Aber ich empfinde diese Arbeit ja nicht als Arbeit. Es ist etwas ganz Besonderes, bei Bayern in dieser Funktion zu sein und die Chance bekommen zu haben. Deswegen kann man es auch gut bewältigen.
-In Ihrer ersten Profisaion bei Bayern, damals mit 21, haben Sie mal gesagt, seien Sie mit einem Lächeln eingeschlafen und mit einem Lächeln aufgewacht. Ist es bei der aktuellen Entwicklung beim Sportdirektor Nerlinger wieder so?
Nein (lächelt). Damals war es die Erfüllung eines Traums, den ich mein ganzes Leben lang hatte. Ich bin ja schon in meiner Kindheit mit meinem Großvater zum Training der Profis gefahren und habe zugeschaut. Mit 14 bin ich dann selber zu Bayern gekommen und wurde eben mit 21 Profi. Damals habe ich mich jedes Mal beim Einlaufen ins Olympiastadion bedankt, dass ich das erleben darf. Und dann verändert sich dieses Gefühl irgendwann. Das ist wie das erste Mal Autofahren. Da hat man auch erst das Gefühl der großen Freiheit. Und das relativiert sich im Lauf der Zeit.
Interview: Andreas Werner
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