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Karl-Heinz Rummenigge.

Interview mit dem Münchner Merkur

Rummenigge: "Ja, sind wir denn blöd?"

München - Am Donnerstag steht die Auslosung der Gruppenphase der Champions League an, die am 18. September startet. Der Münchner Merkur sprach mit Bayern-Boss Rummenigge über die Situation in Fußball-Europa.

Herr Rummenigge, wie sehen Sie das internationale Geschäft gerade? Das Financial Fairplay, das Misswirtschaft vorbeugen soll und Ihnen am Herzen liegt, scheint noch nicht von allen Klubs beherzigt zu werden – zum Beispiel von Paris St. Germain, das beispiellos eingekauft hat.

Da irritiert mich derzeit einiges gewaltig. Sehen Sie: Es gibt dieses Kontrollgremium unter der Leitung von Jean-Luc Dehaene, dem ehemaligen Belgischen Ministerpräsidenten. Ich habe den Eindruck, die Leute in diesem Gremium glauben, dass sich die Dinge von alleine regeln. Gerüchtweise hört man, dass Paris St. Germain wohl in diesem Sommer einen internationalen Verlust-Rekord aufstellt. Es wurde uns mal versichert, dass man das Financial Fairplay seriös angeht und umsetzt, dass keine Tricksereien erlaubt sind, keine Hintertürchen geöffnet werden. Jetzt ist die UEFA gefragt, da auch genau hinzuschauen.

Wenn nicht alle Klubs mitziehen, würde das Financial Fairplay zur Farce.

Ja. Es kann nicht sein, dass Klubs in ganz Europa – AC Mailand und Inter Mailand, um nur zwei zu nennen – ihre Kosten abbauen, um den Kriterien nachzukommen. Die haben auch viele Jahre viel mehr Geld ausgegeben, als sie überhaupt einnehmen konnten. Aber jetzt haben sie verstanden, dass es so nicht weitergeht. Sie sind bereit, sich an die Regeln zu halten, obwohl sie dafür zuhause von den Medien sowie den eigenen Fans beschimpft und beleidigt werden. Klubs wie Paris St. Germain mörteln aber in einer Art und Weise auf, dass du glaubst, Geld spielt keine Rolle. Ich finde es absurd, was da in Paris gerade passiert. Wirklich absurd.

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Sie sagten schon vor Jahren, beim Gehalt eines Zlatan Ibrahimovic bekommen Sie rote Ohren . . .

. . . und jetzt dreht sich mir der Magen um, wenn ich von seinem angeblichen Gehalt in Paris höre. In Deutschland wird wegen Javier Martinez über die 40 Millionen Euro Ablöse landauf, landab diskutiert – aber wenn ich den Ibrahimovic-Transfer sehe, muss ich sagen: Angeblich kostet allein sein Jahresgehalt mehr als unser Gesamtinvestment in Martinez für fünf Jahre.

Was kann man unternehmen, um die nachhaltige Umsetzung des Financial Fairplay einzufordern?

Ich kann nur an die UEFA appellieren, im Zweifel mal einen Präzedenzfall zu schaffen, auch mal einem namhaften Klub beispielsweise die Teilnahme an der Champions League zu verweigern. Sonst sagt sich doch bald der eine oder andere Klub: „Ja, sind wir denn blöd? Wir erfüllen die Kriterien der UEFA – und die anderen scheren sich darum nichts!“ Es geht ja auch um Wettbewerbsfähigkeit. Die ist so nicht mehr gegeben.

Das Financial Fairplay läuft stufenweise ab. Auf welcher Stufe befindet sich die Branche gerade?

Wir sind jetzt im zweiten Jahr einer dreijährigen Übergangsphase, in der die Klubs pro Jahr maximal 15 Millionen Euro oder kumuliert einmalig 45 Millionen Verlust machen dürfen. Wenn man von diesen enormen Investitionen liest, die Paris in den letzten Monaten getätigt hat, kann man sich leicht ausrechnen, wie realistisch die Umsetzung der Kriterien da läuft. Ein weiterer Fall ist Manchester City. Die hatten im letzten Jahr einen Verlust von über 200 Millionen Euro. Sie waren zwar dieses Jahr noch nicht großartig auf dem Transfermarkt tätig, aber es ist mir auch nicht bekannt, dass sie gerade großartig Kosten abbauen.

Einige Klubs scheinen nach dem Motto zu agieren: „Nach mir die Sintflut.“ Doch genau das dürfte nicht mehr möglich sein.

Ja, und ich bin erstaunt, dass die UEFA in keinster Art und Weise eingreift. Man muss doch diese Vorgänge von Verbandsseite mal prüfen. Es ist ja auch nicht so, dass Paris am anderen Ende der Welt liegt. Das ist von Genf nicht weiter entfernt als München.

Sie sind Chef der ECA, der Vereinigung der europäischen Top-Klubs. Was kann dieser Zusammeschluss unternehmen?

In der ECA hat es ein einstimmiges Votum pro Financial Fairplay gegeben. Das gilt es einzufordern, daran müssen sich alle halten – 100 Prozent der Klubs, nicht nur 98 Prozent. Und die UEFA muss dafür sorgen, dass keiner ausschert. Das Financial Fairplay ist ein Kind von Verbandschef Michel Platini. Ein Problem ist auch, dass den Klubs bis heute die Sanktionen nicht bekannt sind. Es kann Geldstrafen, Transfersperren und eine Lizenzverweigerung für internationale Wettbewerbe geben. Der Strafenkatalog ist entwickelt, aber noch nicht an die Vereine weitergereicht worden. Das wundert mich sehr. Vielleicht steckt dahinter auch Politik, dass das bewusst so lange wie möglich zurückgehalten wird. Sinnvoll finde ich das nicht.

Interview: Marc Beyer und Andreas Werner

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