München - Thomas Strunz spricht im Interview über die Statik der Bayern-Außen, den Problemfall Robben und das Negativ-Beispiel Real Madrid. Vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart hat er für uns beide Teams analysiert.

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Ein Bild aus erfolgreichen Zeiten: Strunz gewann mit den Bayern unter anderem 1996 den UEFA-Pokal.
Thomas Strunz spielte für den FC Bayern und den VfB Stuttgart. Im Interview analysiert der ehemalige Nationalspieler, der von Jupp Heynckes 1989 als 21-Jähriger aus Duisburg nach München gelotst wurde und heute als „Liga-Total“-Experte arbeitet, die Situation seiner Ex-Klubs, die sich heute im Pokal-Viertelfinale duellieren.
Herr Strunz, was für ein Spiel erwartet die Fans?
Beide Klubs sind stotternd in die Rückrunde gestartet – das ist fast so, als hätten sich die Temperaturen vom Thermometer direkt aufs Betriebsklima übertragen. Für beide Seiten steht viel auf dem Spiel, eine Niederlage würde die Krisenszenarien verschärfen. Es wird ein harter Kampf.
Rund um die Bayern herrscht bereits Alarmstimmung – zu Recht oder ist die Aufregung verfrüht?
Es ist eigentlich noch nichts Dramatisches passiert, aber die Tendenz sorgt für Unruhe: Bei den Bayern läuft das Spiel nicht so wie gewünscht, der BVB ist in der Tabelle vorbeigezogen – unter solchen Umständen braucht der FC Bayern dringend Erfolgserlebnisse. Sonst wird es turbulent.
Sie haben selbst in Katar im Trainingslager vorbeigeschaut. Lagen sich die Bayern zu sehr in den Armen, war zu viel Euphorie?
Nein. Die Bedingungen waren dort optimal, da braucht man nicht zu diskutieren. Dazu waren alle Verletzten wieder fit, Arjen Robben konnte durchstarten – Optimismus war also berechtigt. Vielleicht hat die Mannschaft dann einfach gedacht, alles wird automatisch gut. Aber von allein kommt im Fußball nichts.
Heynckes sagt, er sei jetzt in der Pflicht – wie erleben Sie Ihren ehemaligen Coach in diesen Tagen?
Sie waren selbst Außenverteidiger – wie beurteilen Sie die Möglichkeiten der Bayern auf „Ihrem“ früheren Spezialgebiet?
Auf den Außenbahnen verlässt man sich zu sehr auf die individuelle Klasse von Ribery und Robben. Die Außenverteidiger entwickeln zu wenig Offensivkraft. Flanken, den Vordermann hinterlaufen, in den Rücken der Abwehr stoßen, bis zur Grundlinie vordringen – das gelingt zu selten. Und weil Ribery und Robben am Ende nach innen drängen, ist Gleichförmigkeit ins Spiel eingezogen. Ihnen fehlen aber auch auf Außen die Anspielstationen. So wird alles sehr statisch, und die Gegner können das inzwischen gut verteidigen.
Thema Grundlinienspiel, Hinterlaufen, Flanken – wäre Philipp Lahm auf rechts nicht besser aufgehoben? Links muss er am Ende doch auch in der Regel nach innen ziehen . . .
Philipp spielt keine überragende Saison. Auch er schafft es derzeit nicht, Impulse im Offensivspiel zu setzen. Bei Rafinha und Jerome Boateng ist es aber noch eklatanter – bei diesen zwei ist mehr Angriffs-Fußball gefragt, nur allein absichern reicht beim FC Bayern nicht. Ob Lahm auf rechts das Allheilmittel ist? Ich weiß es nicht. Aber er hat da mit Robben schon sehr gut harmoniert, als die Bayern das Double geholt haben. Wobei auch Robben derzeit nicht in Form ist...
Würden Sie Heynckes raten, Robben in dieser Phase auch mal auf die Bank setzen – oder muss Robben immer spielen, um in Schwung zu kommen?
Das ist ein schmaler Grat. Bei Robben ist die Erwartungshaltung einfach auch eine andere, also polarisiert er mehr, wenn er mal nicht überragend spielt. Sowas wird dann auch innerhalb einer Mannschaft diskutiert. Heynckes und der FC Bayern sind gerade nicht in der Situation, auf jemanden Rücksicht nehmen zu können. Dem Erfolg müssen sich alle unterordnen. Es geht in der jetzigen Phase nicht darum, jemanden in Form zu bringen, wenn darunter das Kollektiv leiden muss.
Dortmund oder Bayern – wer wird Meister?
Das dauert bis zum letzten Spieltag. Dortmund hat einen kleinen Vorteil, weil die Bayern in der Champions League Kräfte lassen könnten.
Halten Sie es jetzt mit Franz Beckenbauer, dass der BVB nun Favorit ist?
(lacht) Ach, der Franz. Wenn Dortmund am Wochenende verliert und Bayern gewinnt, sagt er wieder: Bayern ist Favorit. Solche Spielchen werden uns die ganze Saison bis zum Ende begleiten. Das ist doch herrlich für die Fans.
Von Andreas Werner
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