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Zum Start der Bundeliga: Heimvorteil steckt in der Formkrise

Zum Liga-Start: Heimvorteil steckt in der Formkrise

München - Dass der FC Bayern in Kaiserslautern verlor, war am Ende des 2. Spieltags der Fußball-Bundesliga nur eine Randnotiz. Es gab noch größere Überraschungen. Vor allem: Sieben der neun Spiele wurden von den Auswärts-Teams gewonnen. Einmalig.

© dpa

Nichts mit Heimvorteil: Michael Ballack verlor mit Leverkusen 3:6 gegen Gladbach.

Am Montagmorgen klappern bei der „Impire AG“ in München, Betreiber der Bundesliga-Datenbank, die Tastaturen. Es wird recherchiert: Gab es das schon einmal in der Liga, die seit 1963 existiert?

Hingegen die Ereignisse vom vergangenen Wochenende: Mönchengladbach siegt in Leverkusen, was bei den letzten 13 Versuchen nicht geglückt ist – und das Resultat fällt mit 6:3 exorbitant aus. Oder das Mainzer Stück in Wolfsburg: 4:3 nach 0:3- Rückstand. Sowie: Hannover gewinnt 2:1 auf Schalke. Gladbach war in der Vorsaison die auswärts schwächste Elf der Bundesliga, holte lediglich 10 ihrer 39 Punkte auf fremdem Terrain, Mainz und Hannover mit 14 Zählern waren nicht viel besser.

Dr. Christian Unkelbach, Sozialpsychologe an der Universität Heidelberg, muss kurz auflachen, als ihn unsere Zeitung am Montag anruft. Er muss sich ein klein wenig ertappt fühlen nach solch einem Spieltag. Er hat Fachartikel veröffentlicht, die „Gelb oder kein Gelb? Persönliche Verwarnungen im Fußball als Kalibrierungsproblem“ heißen, sein Thema ist der Heimvorteil im Fußball, er hat ihn wissenschaftlich nachgewiesen. Was nun? Gibt es keinen Heimvorteil mehr nach diesem Spieltag?

Die Geschichte müsse aber nicht umgeschrieben werden: Zuhause antreten zu können ist ein Vorteil. Immer noch. Das belegen verschiedene Studien.

Elfmeterschützen zuhause schwächer

Auch die von Unkelbach. Er hat 1530 Spiele ausgewertet und ist zum Schluss gekommen: Je lauter das Publikum, desto größer der Einfluss auf die Schiedsrichter. Er wiederholte mit 20 deutschen Unparteiischen ein Experiment, das Alan Nevill 1999 in seiner Heimat England durchgeführt hatte. Er zeigte ein Video mit 52 Fouls, 26 hatte die Heimmannschaft begangen, 26 der Gast. Einer Hälfte der Testschiedsrichter wurden diese Szenen ohne Ton vorgeführt, der anderen mit der Geräuschkulisse aus den Stadien. Die Tendenz: Die Mit-Ton-Fraktion verwarnte die Spieler des Auswärts-Teams weitaus öfter – beeinflusst vom Heim-Publikum. Im Zweifelsfall lasse ein Referee sich von den Zuschauern leiten, befand Nevill und brachte den Heimvorteil auf die Formel: ein halbes Tor pro Spiel.Eine umfangreiche Diplomarbeit zum Phänomen Heimvorteil gibt es von der Dortmunder Statistikerin Eva Heinrichs, sie wertete vor zwei Jahren mehr als 71 000 Spiele aus den Top-Ligen Spaniens, Italiens, Englands aus, auch die Bundesliga wurde von Anbeginn berücksichtigt sowie die 2. Liga seit 1974. Eva Heinrichs stellt, auf den deutschen Markt bezogen, fest: Der Heimvorteil nimmt ab. Vergleichswerte: 1987/88 ging in 55,8 Prozent die Heimmannschaft als Sieger vom Platz, bis 2006/07 ging dieser Siegeswert auf 43,8 Prozent runter. In Europa gehe es ebenfalls in diese Richtung. „Die Auswärtstreffer bleiben konstant, die Anzahl der Heimtore sinkt, die Unentschieden nehmen zu“, sagt Eva Heinrichs.

Nicht nur im Ligenbetrieb, sondern auch auf internationaler Ebene zeigt sich: Der Heimvorteil ist nicht mehr, was er mal war. WM 2010: Südafrika ist der erste Gastgeber, der die Vorrunde nicht übersteht. EM 2008: Die Co-Gastgeber Schweiz und Österreich scheiden in der Gruppenphase aus.

Die Münchner Statistiker Manuel Eugster, Jan Gertheiss und Sebastian Kaiser haben sich für ihre Studie die K.o.-Spiele der Champions League seit 1995 vorgenommen und festgestellt: Das Heimrecht im Rückspiel ist ein Klischee „und gar kein Vorteil“ (Kaiser). Entscheidend vielmehr: die Qualität der Mannschaften.

An der Universität Bonn wurde untersucht, ob es einen Heimvorteil bei Elfmetern gibt. Ergebnis: Im eigenen Stadion werden weniger Strafstöße verwandelt, vor allem versagen die Schützen, wenn sie den Elfmeter auf das Tor schießen müssen, hinter dem die gegnerischen Fans stehen. Thomas Dohmen vom an der Studie beteiligten Institut zur Zukunft der Arbeit führt das Versagen auf die Kombination „Erwartung der eigenen Fans plus Konfrontation mit den feindseligen Gesichtern der gegnerischen Fans“ zurück.

Der Heimvorteil auf dem absteigenden Ast. Warum? „Es gibt Faktoren, die an Bedeutung verlieren“, sagt der Heidelberger Christian Unkelbach, „Reisestress zum Beispiel. Früher fuhren die Mannschaften von Hamburg nach München im Bus; heute fliegt man, alles ist bequemer.“

In einem Internet-Forum zur Dortmunder Diplom-Arbeit gibt es weitere Interpretationen. Etwa: Nachlassende Identifikation der Profis mit den Klubs – denn kaum noch jemand ist dort auch zuhause, wo er seinen Vertrag erfüllt.

Dem widerspricht jedoch eine medizinische Untersuchung, wonach Fußballer bei Heimspielen eine höhere Konzentration des Hormons Testosteron aufweisen als bei Auswärts-Auftritten.

Offensichtlich spielten die Hormone verrückt am 2. Spieltag der Bundesliga-Saison 2010/11. Allerdings gab es auch einige Menschen, die von den Ergebnissen nicht überrascht waren. Tatsächlich ist in der 13er-Wette des Deutschen Lotto- und Toto-Blocks die Klasse eins (13 Richtige, darunter acht Bundesligaspiele) besetzt, der Gewinner räumte 71 655,16 Euro ab. Beim privaten Wettanbieter „Digibet“ wurden ebenfalls Treffer verzeichnet. Ein Teilnehmer kombinierte Hannovers Sieg auf Schalke (10,35:1) und den Freiburger Erfolg in Nürnberg (4:1) mit der Sensation der englischen Liga (Tottenham unterliegt Wigan – Quote 12,6:1) und strich für 50 Cent Einsatz 260,83 Euro Gewinn ein.

Günter Klein

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