Das Abenteuer begann mit Anrufen ihrer Kollegen Berti Vogts und Tina Theune und endete mit einem emotionalen Abschied. „Ich werde die zwei Jahre und acht Monate in Aserbaidschan nie vergessen - es war eine sehr wertvolle und lehrreiche Zeit“, sagt Sissy Raith. Bis Dezember 2012 trainierte sie die U15- und U17-Nationalmädchenteams in dem Land, das an Russland, Georgien, den Iran, Armenien und die Türkei grenzt. Nun ist die 52-Jährige zurück in Eching.
-Frau Raith, war Ihnen damals eigentlich klar, worauf Sie sich einlassen?
Nein. Als im Januar 2010 die Anfrage kam, musste ich erst einmal den Atlas hervorkramen, um nachzuschauen, wo Aserbaidschan genau liegt.
-Sie wurden tatsächlich als eine Art Entwicklungshelferin in Sachen Frauenfußball verpflichtet?
Als Erstes hab’ ich mir ein Kleinfeld-Schulturnier angeschaut und mir gedacht: „Na bravo, hier findest du gar nichts, was mit Fußball zu tun hat!“
-Und Sie haben trotzdem zugesagt?
Ja, klar. Obwohl der erste Eindruck ernüchternd war, obwohl ich wusste, dass wir unter Null anfangen. Ich fand das verrückt, aber genau diese Verrücktheit hat mich angesprochen - das passt zu mir. Und es war faszinierend, mit wieviel Leidenschaft der Verband und die Spielerinnen das Projekt angingen.
-Wo haben Sie denn mit Ihrer Arbeit angesetzt?
Wir sind zum Scouting an die Schulen im ganzen Land gefahren - zwei, drei Monate lang ging’s vom Kaukasus quer durchs Land bis runter an die iranische Grenze. Knapp 300 Mädchen haben wir gesichtet, 32 waren beim ersten Lehrgang dabei, acht Mädchen empfahlen sich für die ersten Trainingseinheiten der U15-Nationalmannschaft.
-Das reichte nicht.
Es folgten weitere Scouting-Aktionen in der Hauptstadt Baku, und irgendwann hatten wir den Kader zusammen. Gerade mal drei Spielerinnen wussten wirklich, um was es beim Fußball geht…
-Heute gibt es die Fußball-Akademie in Baku, eine dreigeteilte U15-Liga und eine landesweite, zweigeteilte U17-Liga - nicht zuletzt auf Ihr hartnäckiges Drängen hin.
Ich bin sehr stolz darauf, dass wir in kurzer Zeit so viel bewegen konnten. Die Mädchen haben sich toll entwickelt und unglaublich viel gelernt.
-Und doch setzte es bei der WM im Sommer 2012 empfindliche Niederlagen.
Mindestens ein Tor zu schießen oder ein Remis zu erzielen, das war das Ziel. Das 0:11 gegen Nigeria war der Tiefpunkt. Und die Zuschauer beklatschten jedes Tor der Nigerianerinnen. Das ganze Team war ziemlich am Boden zerstört. Doch die Mannschaft stand wieder auf und zeigte beim 0:1 gegen Kanada ihre beste Turnier-Leistung. Diese Moral, diese Charakterstärke - Respekt!
-Warum sind Sie nicht länger geblieben?
Der Verband wollte, dass ich noch zwei weitere Jahre dran hänge - und ich war ohnehin schon zweieinhalb Monate länger dort als geplant. Ich wollte nicht mehr - wie in den vergangenen Jahren - in Aserbaidschan permanent vor Ort sein. Ich hab‘ auch eine Verantwortung meiner Familie, meiner Mutter gegenüber.
-Welche Erinnerungen bleiben Ihnen in erster Linie?
Das „geordnete Chaos“ im Land: Für mich war es anfangs schwer, ohne einen Plan B loszumarschieren. Eine Sissy Raith hat am besten noch einen Plan C. Oder auch die unglaubliche Gastfreundschaft selbst in den ärmsten Regionen des Landes. Oder das Nationalgericht „Piti“. Diesen Batz mit seiner dicken Fettschwarte hab‘ ich beim besten Willen nicht essen können. Das war eben eine Suppe für die harten Männer.
-Sie haben die ganze Zeit über im Hotel gewohnt - warum?
Ich hatte dort jeden Komfort und habe es sehr genossen, als Dauergast ständig umsorgt zu werden. Ich kam mit vielen Menschen in Kontakt. Das wäre in einer Wohnung nicht der Fall gewesen, dort wäre ich isoliert gewesen. Zeitweise auch einsam.
-Wie geht es jetzt weiter?
Ich genieße die Pause und hole so einiges nach. Treffe mich mit Freunden, fahre viel Ski. Es gibt schon ein paar Anfragen in Sachen Trainerjob, und wenn die Zeit reif ist, geht’s weiter. Ob bei Frauen, Männern oder Jugendlichen, wird sich zeigen. In jedem Fall sehe ich mich auf dem Fußballplatz, denn das ist meine Spielwiese.
Interview: Guido Verstegen











