Garmisch-Partenkirchen - Wer an Kirche denkt, denkt nicht sofort an Sport. Pfarrer Martin Karras aus Garmisch ist Mitglied im Maria-Riesch-Fanclub und bei der WM im Einsatz.

© Thomas Sehr
Riesch-Fan und Pfarrer Martin Karras aus Garmisch ist bei der WM als Seelsorger aktiv.
Herr Karras, Sie halten es wie Winston Churchill: „No sports“. Wie passt das mit Ihrem Einsatz für die Ski-WM zusammen?
Ich bin absolut unsportlich, das ist richtig. Aber ich schaue mir die Veranstaltungen, gerade Skifahren und Biathlon, unheimlich gerne an. Da gebe ich natürlich wie jeder andere auch neunmalkluge Kommentare ab. Theoretisch kenn’ ich mich ja bestens aus und weiß alles...
Dann können Sie ja auch verraten, wie die Rennen ausgehen.
Dazu äußere ich mich im Vorfeld nicht. Mir sagen zwar die Menschen einen sehr guten Draht nach oben nach. Aber der liebe Gott hat glücklicherweise Bereiche festgelegt, in denen sein Bodenpersonal in der selben Situation ist wie alle andere: Wir wissen auch nicht, wie es ausgeht. Und das ist gut so. Ohnehin wird Jesus Christus nicht vor dem Rennen mit einer Teilnehmerliste dasitzen und willkürlich auswählen, wer gewinnt. Das liegt in der Hand der Sportler.
Worin sehen Sie die Aufgaben der Kirchen?
Wenn ich als Nicht-Sportler sehe, was all die Leute leisten, dann muss ich sagen: Das ist hervorragend. Doch leider zählen heute gerade bei Großereignissen nur die erste drei Plätze. Alle anderen gehen oft unter. Uns ist aber wichtig, dass jede der großartigen Leistungen wieder Wertschätzung erfährt. Egal, auf welchem Platz der Athlet landet. - Wie wollen Sie das erreichen? Jeden Tag um 8 Uhr halten wir eine Morgenandacht. Darin werden wir Punkte rund um das Thema Sport ansprechen. Wir geben den Menschen Fragen mit auf den Weg. Etwa, ob sie sich dem allgemeinen Trend anschließen und auch für sie der Sport nur dann interessant ist, wenn die Grundsätze höher, schneller, weiter eingehalten werden. Oder ob für sie noch der olympische Gedanke „Dabeisein ist alles“ zählt.
Geben Sie Antworten?
Die muss jeder Gläubige selber finden. Wir können nur zum Nachdenken anregen.
Sie haben auch ein Kirchenzelt im Kurpark Garmisch aufgestellt. Geht es überall darum, die Menschen zum Nachdenken anzuregen?
Nein, wir treten nicht missionarisch auf. Im Gegenteil. Wir wollen Orte bieten, wo Gäste, Athleten und Organisatoren zur Ruhe kommen und neue Kraft schöpfen können bei all dem Lärm und der Aufregung außen herum.
Was erwartet die Gäste denn im Zelt?
Sie setzen auch Seelsorger ein. Wofür sind sie da?
Wie Sie es sagen: Sie sollen einfach da sein. Wer über Probleme sprechen möchte, kann dies mit ihnen tun. Es ist egal, ob es sich um Sorgen aus dem Alltag handelt oder solche, die unmittelbar mit der WM zu tun haben.
Ihr Angebot richtet sich an Gäste, Organisatoren und Athleten gleichermaßen. Sie investieren dafür 20000 Euro. Glauben Sie, das Projekt wird angenommen?
Das ist schwer einzuschätzen. Es ist ein Versuch. Wir sind uns bewusst, dass wir keine Massen anziehen. Vor allem Athleten werden eher wenige kommen. Sie stehen unter einer unglaublichen Anspannung. Doch vielleicht sind auch sie froh, sich einmal zurückziehen zu können, fernab von Hotel und Mannschaftskollegen. Letztlich ist es doch so: Will ich eine gute Leistung bringen, muss ich mich auch mal entspannen.
Der sportliche Aspekt ist der eine. Hat das Engagement einen imagefördernden Grund?
Immerhin war die Kirche im vergangenen Jahr fast ausschließlich mit negativen Schlagzeilen in den Medien vertreten. Die Ski-WM wäre ein guter Anlass, das zu ändern. Das ist sicher ein Grund, weshalb wir uns als Kirche in dieser Form präsentieren. Was passiert ist, ist eine wahrhaftige, dunkle Seite, mit der wir uns auseinander setzen müssen. Doch ist durch die schrecklichen Ereignisse alles andere untergegangen. Die Ski-WM ist für uns eine gute Gelegenheit, den Menschen zu zeigen: Es gibt auch Positives in unserer Kirche.
Apropos Positives: Sie sind Mitglied im Maria-Riesch-Fanclub. Kennen Sie sie persönlich?
Ich bin nun kein Freund der Familie. Aber ich kenne sie, ja. Ich habe die Ehre, bei ihrer Trauung im April in Kitzbühel zu assistieren.
Werden Sie auch schon die Morgenandachten jetzt während der WM nutzen, um für Ihre Favoritin zu beten?
Nein. Das kann ich mir gar nicht leisten. Wir sind ein großes Team. Da hat jeder seine Präferenzen. Generell gilt: Der liebe Gott ist für alle da.
Wofür beten Sie dann?
Dafür, dass es eine fröhliche Veranstaltung wird, bei der die einzigen Enttäuschungen sind, dass sportliche Ziele nicht erreicht werden. Wir beten: Lieber Gott, hilf denen, die gewonnen haben, dass sie sich freuen können, und denen, die verloren haben, dass sie mit den Niederlagen zurechtkommen. Und wir beten dafür, dass alle heil runterkommen. Dann hat der liebe Gott schon eine ganze Menge zu tun.
Wenn er Ihrer Wunschsiegerin Maria Riesch nun perfekte Läufe beschert: Werden Sie dann die Glocken der Kirche St. Martin für sie läuten?
Ich weiß: Das hat der Pfarrer von Maranello, dem Heimatort von Ferrari, bei jedem Sieg des Rennstalls gemacht. Da hab’ ich immer geschmunzelt. Ich finde, die Glocken sind für anderes da: Sie laden zum Gottesdienst ein, zu Gebet und Stille. So sehr ich mich freuen würde über einen Titel von Maria Riesch: Die Glocken werden deshalb nicht läuten. Aber ich werde laut jubeln.
Gespräch: Katharina Bromberger
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