München - Fußball-Zweitligist TSV 1860 erlebt derzeit ein für ihn eher untypisches Zwischenhoch. 16 von 18 möglichen Punkten haben die seit sechs Spielen ungeschlagenen Sechziger geholt.

Videobeschreibung (+Laufzeit oder Datum siehe Original).
Am Sonntag könnte im Heimspiel gegen den Tabellenführer Fortuna Düsseldorf (Allianz Arena, 13.30 Uhr) weiterer Boden gut gemacht werden. Für den Tabellensechsten, sofern er vielleicht doch noch in den Kampf um die vorderen Plätze eingreifen möchte, ein enorm wichtiges Spiel also. Der Münchner Merkur unterhielt sich mit Trainer Reiner Maurer über die jüngste Erfolgsserie, die Düsseldorfer Elfmeterdiskussion und die aktuelle Hochstimmung, die sogar die winterlichen Unbilden vergessen lässt.
Reiner Maurer, an Düsseldorf dürften Sie nicht die besten Erinnerungen haben. In der Hinrunde ist Ihre Mannschaft bei der 1:3-Niederlage zeitweise gegen die Wand gespielt worden . . .
Damals hat nichts gepasst. Bei uns herrschte eine ziemliche Euphorie, und dann sind wir gegen eine starke Mannschaft überhaupt nicht ins Spiel gekommen und weit unter unseren Möglichkeiten geblieben. Da bietet sich am Sonntag eine Wiedergutmachung an.
Inzwischen dürften Sie sich ja auch gegen Düsseldorf einiges ausrechnen . . .
Fortuna hat eine Riesenhinrunde gespielt, aber in der Rückrunde noch nicht gewonnen. Der Trend ist jetzt anders. Momentan haben die Düsseldorfer einen Hänger. Hinzu kommt: Die haben die Konkurrenz direkt im Nacken. Da oben ist alles ganz eng. Bei einer Niederlage können sie direkt von den Aufstiegsplätzen rutschen.
Zuletzt sind die Fortunen auch wegen ihrer elf Elfmeter, die sie in dieser Saison schon herausgeholt haben, ins Gerede gekommen. Als gegnerischer Trainer sieht man das sicher nicht ungern, oder?
Natürlich hat sich in der Liga rumgesprochen, auf welche Art Düsseldorf in der Offensive operiert und was sie für einzelne Spielertypen haben. Das wissen inzwischen auch die Schiedsrichter. Das hat in jedem Fall gewisses Aufsehen erregt. Auch der Disput zwischen Sascha Rösler und Frankfurts Trainer Armin Veh (Veh hatte Rösler „Fallsucht“ vorgeworfen/Anmerkung d. Red.) wird Spuren hinterlassen.
Sind Sie also auch der Meinung, dass es Düsseldorf von den Schiedsrichtern zu leicht gemacht wird, zu Elfmetern zu kommen?
Ich sage nicht, die kriegen Elfmeter geschenkt. Ich möchte da nicht der Scharfrichter sein. Als Trainer fahre ich ganz gut damit, dass ich in solchen Diskussionen den Fuß vom Gas nehme. Ich befasse mich nicht mit Schiedsrichterentscheidungen.
Sascha Rösler, mit elf Toren Düsseldorfs erfolgreichster Angreifer, wird am Sonntag wegen seiner Gelb-Roten Karte fehlen. Ein Vorteil für 1860?
Ist es denn leichter, gegen den Tabellenführer zu spielen, also nicht der Favorit zu sein?
Wir haben in dieser Saison mit Eintracht Frankfurt schon einmal den Tabellenersten geschlagen. Und zwar ohne einen Daniel Halfar, ohne einen Daniel Bierofka, ohne einen Benny Lauth. Und Stefan Aigner hatte die ganze Woche nicht trainiert und war froh, dass er nach einer Stunde raus konnte. Da spielten wir mit einer Mannschaft, mit der es schwer ist, gegen so einen starken Gegner zu gewinnen. Insofern kann man schon sagen, dass da zusätzliche Kräfte freigeworden sind.
Der TSV 1860 ist seit sechs Punktspielen ungeschlagen, hat davon fünf Partien gewonnen. In der Fußballersprache spricht man in solchen Fällen von einem Lauf. In der Zweiten Liga hat man das bei 1860 nur selten erlebt . . .
Das ist schon wichtig für uns, dass es mal länger so gut läuft. Denn wir haben ein sehr schwieriges Umfeld. Da wird viel Stimmung von außen in die Mannschaft hineingetragen. Für die Fans und das Umfeld ist der TSV 1860 ja ein gefühlter Erstligist. Bei diesem hohen Maßstab kommt schnell Kritik, ein negativer Touch rein. Aber momentan haben wir einen positiven Trend. Da fällt vieles leichter. Das sieht man auch bei solch miserablen Witterungsbedingungen, die wir zuletzt hatten. Die Spieler lassen sich auch nicht vom Dreckwetter abschrecken und sind mit Freude dabei, das Beste daraus zu machen.
Spielerisch sind die Fortschritte ja auch unübersehbar. Zuletzt beim 2:0 gegen Cottbus sind die Sechziger zeitweise sehr dominant aufgetreten. Wo liegen die Gründe?
Wir haben jetzt mehr Sicherheit drin, sind in der Verteidigung besser, stabiler geworden. In der Offensive fällt uns mit Halfar zwar ein wichtiger Mann aus. Dafür hat sich Djordje Rakic ganz gut eingefunden, Maximilian Nicu ist neu dazu gekommen. Insbesondere über Daniel Bierofka können wir die Offensive beleben. Ohnehin hat sich die Lage auch personell stabilisiert. In der letzten Sommerpause hieß es fast jeden Tag: Wir müssen Spieler verkaufen, weil der Verein Geld braucht. Jetzt sind in der Winterpause zwei Neuzugänge hinzugekommen, zugleich alle Stammspieler geblieben – das ist schon ein großer Fortschritt.
Bierofka spielt schon seit längerem wie aufgezogen. Wie sehen Sie seine Topform mit 33 Jahren?
Biero verkörpert bei uns den positiven Trend. Er ist ein Spieler, der in jedem Training Vorbildfunktion übernimmt, sich immer reinhängt, immer hochmotiviert ist. Jetzt spielt er auch noch auf einer zentrale Position mit Verantwortung, füllt diese Rolle sehr gut aus. Man merkt Biero an: Er sieht, dass es vorwärts geht mit allem, mit der Mannschaft, mit dem Verein. Er bekommt für seine starken Leistungen Anerkennung. Das sind alles Punkte, die zu einer positiven Veränderung führen.
Im ersten Heimspiel nach der Winterpause waren die Zuschauerränge – auch wegen der Kälte – nur spärlich besetzt. Wird die Partie gegen Düsseldorf auch wieder die 1860-Anhängerschaft mobilisieren?
Man darf nicht vergessen: Die Fans haben bei uns eine unheimliche Leidenszeit hinter sich; sie haben unheimlich viel mitgemacht. Die ganzen Streitigkeiten, die es gegeben hat und in der Öffentlichkeit diskutiert wurden, waren ein Rückschlag. Aber wenn man bedenkt, was unsere Fans alles einstecken mussten, dann ist es fantastisch, wie sie dem Verein immer noch den Rücken stärken.
Ein Sieg gegen den Tabellenersten Düsseldorf wäre sicher Balsam für die Fans . . .
Das sehe ich auch so. Und deswegen muss es ganz klar unser Ziel sein, die Fortuna zu schlagen. Auch wenn es eine sehr schwere Aufgabe wird. Aber unsere Spieler haben gemerkt, dass sie stark genug sind und die Qualität haben, auch Düsseldorf zu besiegen. Und das wollen sie am Sonntag den Fans zeigen.
Das Interview führte Armin Gibis
Rubriklistenbild: © sampics


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