+
Der Bochumer Christoph Dabrowski (r) und der Münchner Moritz Leitner kämpfen um den Ball. Leitner zeigte im ersten Saisonnspiel eine starke Partie - schon sind Hoffnungen für 1860 mit ihm verbunden.

1860-Trainer Maurer stellt sich auf Aigners Abschied ein

München - Alles, was Stefan Aigner derzeit macht, ist spannend, alles wird interpretiert, in jeder Handlung könnte ein Hinweis stecken, ob er noch mit vollem Herzen ein Löwe ist.

Gestern nach der Ankunft am Vereinsgelände, 15 Stunden nach der bitteren 2:3-Niederlage von Bochum: Aigner steigt aus dem Bus und trägt einen Korb leerer Flaschen - das ist brav, so zeigt man, dass man sich auch als Erstligakandidat nicht zu fein ist für niedere Aufgaben. Später, nach dem Gang in der Kabine: Aigner kommt raus, wird von einer Traube Nachwuchskicker umringt, geduldig schreibt er Autogramme. Er ist also noch immer greifbar, setzt nicht den Tunnelblick auf - ein Löwen-Liebling zum Anfassen.

Doch wird er es bleiben? Oder unterschreibt er bald nicht mehr auf Trikots junger 1860-Fans, sondern auf einem Vertragspapier des VfB Stuttgart? Miroslav Stevic, der den Verkauf des Ur-Giesingers zunächst angeschoben hat, versucht sich mit einem Witz herauszuwinden („Ich kann ja keine Bank ausrauben. Als Sportdirektor kann ich nur Spieler verkaufen, um Geld zu generieren“). Auf Nachfrage erklärt er dann unverbindlich: „Es kann passieren, dass der eine oder andere Spieler geht. Im Fußball kann man nichts ausschließen.“ Dabei lächelte er, das Thema ist ihm unangenehm. Er weiß, dass Aigner der Held der Fankurve ist. Er weiß aber auch, dass der Verein womöglich keine andere Wahl hat. Die drei Millionen Euro, die der FC Bayern einfordert, sind bei weitem nicht die einzigen Verbindlichkeiten.

Aigners Trainer, der kurz danach Stellung beziehen soll, ist nicht zum Scherzen zumute. Reiner Maurer klingt, als habe er sich bereits mit einem Weggang des Vorzeigelöwen abgefunden. „Wir müssen das Beste daraus machen“, sagt der Coach. Er verweist darauf, dass bis Dienstag, wenn die Transferliste schließt, Klarheit herrschen wird. Bis dahin, fordert er: „Ruhe bewahren.“

Was nicht leicht fällt. Aigner ist für sein Team ein wesentlicher Eckpfeiler, das zeigte der flinke Flügelflitzer auch in Bochum, wo er das 2:3 durch Benny Lauth mustergültig vorbereitete (59.). Aber: „Mit dem einen oder anderen muss man leben“, weiß Maurer: „Dafür haben wir exzellenten Nachwuchs.“

Die neue Transferbörse des TSV 1860: Ochs zurück nach München?

Die aktuelle Transferbörse des TSV 1860

Zum Beispiel den 17-jährigen Moritz Leitner. Dass Maurer nicht ganz so betrübt wirkte, könnte damit zusammenhängen, dass sich mit dem jungen Österreicher erneut ein vielversprechendes Talent in den Vordergrund gespielt hat. Leitner, den Maurer am Montag dem als Leitlöwen gedachten Florin Lovin vorzog, zeigte, dass er höheren Aufgaben gewachsen ist. Nach anfänglicher Zurückhaltung wurde Leitner bei seinem Zweitligadebüt immer stärker, zeigte freche Dribblings und gab den Pass zu Rukavina, dem Rakic das zwischenzeitliche 1:1 folgen ließ (23.). Stevic sagt, es sei „eine gute Entscheidung vom Trainer“ gewesen, den A-Junior ins kalte Wasser zu werfen. Maurer deutete gar an, dass er Leitner wohl auch am Sonntag gegen Osnabrück das Vertrauen schenken wird.

Vielleicht läuft der Aufsteiger dann schon als Profi auf. Stevic wusste zu berichten, dass die Vertragsgespräche mit dem jungen Österreicher so weit gediehen sind, dass eine Vollzugmeldung nur noch eine Frage der Zeit ist. „Er ist kurz vor der Unterschrift“, bestätigte Stevic nicht ohne Stolz. „Wir sind schon lange in Gesprächen mit seinen Beratern. Gestern (Montag) haben wir uns geeinigt.“ Leitner soll einen sehr langen Vertrag bei den Löwen unterschreiben. Stevic spricht von einer Laufzeit über drei Jahre, „mindestens“.

Wenn es also in den nächsten Tagen so kommt, dass Aigner den Verein verlassen muss, haben die Löwen das Trostpflaster gleich parat. Wenngleich Stevic zugibt: „Bei jedem Spieler, den du verkaufen musst, hast du Schmerzen. Es tut weh, wenn du Visionen hast und dann immer wieder einen Baustein rausziehen musst, der das ganze Gebilde zum Einsturz bringen kann.“

Die Fans indes scheinen sich daran gewöhnt zu haben, dass bei ihrem Herzensverein die Lieblinge kommen und gehen. Nach Aigners Signatur gab es gestern nur ein Autogramm, das ähnlich stark nachgefragt wurde: das vom jungen Moritz Leitner.

Uli Kellner

  • 0 Kommentare
  • 0 Google+
    schließen