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„Einmal auf dem Marienplatz feiern . . .“

„Einmal auf dem Marienplatz feiern ...“

Belek – Für Necat Aygün hatte die Saison äußerst unglücklich begonnen. In einem Testspiel brach sich der Verteidiger des TSV 1860 mehrere Gesichtsknochen, zudem riss ein Innenband im Knie.

Necat Aygün

In den sechs Spielen, die er nach der Verletzungspause noch bestritt, brachte er es auf eine imposante Bilanz: fünf Siege, ein Remis. Aygün, 31, gilt als enorm wichtiger Stützpfeiler der Löwen-Abwehr. Der gebürtige Münchner mit türkischen Wurzeln spielte schon in der Jugend bei 1860, verließ den Verein – nicht ganz freiwillig – 2001. Nach fast einem Jahrzehnt Profidasein, das ihn nach Istanbul, Unterhaching, Duisburg, Ingolstadt und Sandhausen führte, kehrte er 2010 zum TSV 1860 zurück. Im Trainingslager in Belek unterhielt sich unsere Zeitung mit dem Innenverteidiger.

Necat Aygün, Sie sind derzeit mit dem TSV 1860 in der Türkei, dem Land, aus dem Ihre Familie stammt. Fühlen Sie sich hier heimisch?

Nein, ich kann zwar türkisch sprechen, aber ich kenne das Land nur aus dem Urlaub. Ich bin in München geboren und in der Nähe des Sendlinger Tors aufgewachsen, ich fühle mich als Münchner.

Aber Sie haben auch schon einmal in der Türkei gespielt . . .

Ja, das war vor elf Jahren. Ich war damals deutscher U 21-Nationalspieler. Christoph Daum ist auf mich aufmerksam geworden und hat mich vom TSV 1860 zu Besiktas Istanbul geholt.

Sie haben dann ein Jahr unter Daum gespielt. Wie haben Sie ihn erlebt?

Er hatte damals gerade seinen Skandal hinter sich. Die Koksgeschichte war natürlich ein Thema in der Mannschaft. Aber das stand nicht im Vordergrund. Man wusste, dass er ein guter Trainer ist. Und so ist Daum dann auch aufgetreten – als starker Motivator mit sehr euphorischen Ansprachen.

Wie ist die Saison dann für Sie verlaufen?

Ich war 21, ich konnte da in der Mannschaft keine große Rolle spielen, hatte vielleicht neun, zehn Einsätze. Aber das war für mich ein sehr lehrreiches Jahr. Seither kann mich nichts mehr so schnell erschüttern.

Wie kam’s dazu?

Das waren ganz andere, unsichere Verhältnisse in der Türkei. Beim Auswärtsspiel in Diyarbakir nahe der syrischen Grenze zum Beispiel hatten die Hotelzimmer Panzerglasscheiben. Weil es dort öfter Terroranschläge gab. Durchs Land fuhren wir inkognito in einer Art Under-cover-Linienbus. Bei Lokalderbys in Istanbul habe ich vom Mannschaftsbus aus gesehen, wie die Fans ihre Messer gezogen haben.

Da geht es beim TSV 1860 friedlicher zu. Sie spielten dort ja schon als Schüler.

Ich bin 1992 zu den Sechzigern. Damals spielte die erste Mannschaft noch in der Bayernliga. Da gab es in der Umkleidekabine nicht mal einen Kleiderhaken. Es gab auch keinen Kunstrasen, auf dem Trainingsgelände waren stattdessen lauter Erdhügel. Aber dann ist Sechzig 1994 in die Erste Liga aufgestiegen. Ich war zu der Zeit Balljunge und habe vor dem Münchner Rathaus aus nächster Nähe die Feier erlebt. Ich habe sogar einen Stutzen von Armin Störzenhofecker, der bei 1860 Stammspieler war, erwischt. Den habe ich heute noch bei mir daheim. Ich habe mir damals gedacht: ,Das möchte ich auch einmal als Spieler erleben. So eine Feier mit den Fans auf dem Marienplatz.’

Sie sind aber als Jung-Profi beim TSV 1860 nicht zum Zug gekommen.

Damals war Werner Lorant Trainer. Danach Peter Pacult. Ich habe keine Chance bekommen. Das hat mir weh getan. Ich wollte ja unbedingt bei 1860 bleiben.

Sie sind 2002 zur SpVgg Unterhaching und 1860 später in der Zweiten Liga wieder begegnet. Da gab es dann 2005 ein großes Derby für Sie.

Drei Wochen vor dem Spiel hatte ich einen Bruch der Augenhöhle erlitten. Und ich befürchtete schon, dass ich im Derby nicht dabei sein könnte. Da hatte ich das Gefühl, dass eine Welt für mich zusammenbrechen würde. Aber dann habe ich einen Gesichtsschutz bekommen.

Unterhaching gewann 4:1, Sie schossen zwei Tore, waren der Matchwinner. Ein Karrierehöhepunkt?

Klar. So etwas passiert nur einmal im Leben.

Ihrer Laufbahn wurde ja von vielen gesundheitlichen Rückschlägen überschattet. Insgesamt hatten Sie rund 70 Verletzungen, vor dieser Saison prallte in einem Testspiel der 19-jährige Torhüter von St. Pölten mit Ihnen schwer zusammen. Aufgrund der Knochenbrüche mussten Sie sich drei Titanplatten ins Gesicht einsetzen lassen. Wie verkraftet man solche Schicksalsschläge?

Das ist ganz einfach: Ich weiß, dass es im Leben schlimmere Sachen gibt. Man sollte glücklich sein, wenn man den Beruf des Fußballspielers ausüben darf.

„Auf meiner Stirn war der Stempel des Dauerverletzten“

Trotzdem: Hat es nach dem ganzen Verletzungspech nie einen Moment gegeben, in dem Sie ans Aufhören dachten?

Das war, als ich vor zwei Jahren ohne Verein war. Ich spielte zuvor in Duisburg, Ingolstadt und Sandhausen und hatte den Stempel des verletzten Spielers weg. Da wusste ich nicht, wie es weitergehen sollte. Aber die Geburt meines Sohnes Lias hat mir dann die Entscheidung leicht gemacht. Ich hatte immer schon den Wunsch, auf dem Spielfeld mein eigenes Kind in die Arme schließen zu können. So wie ich das bei Teamkameraden öfter gesehen habe. Also habe ich mir gesagt: ,Das kann’s noch nicht gewesen sein.’ Lias heißt übrigens der von Gott gesendete Sohn des Glücks. Vielleicht hat er ja mehr Glück als ich mit meinen Verletzungen.

Beim TSV 1860, zu dem Sie 2011 schließlich zurückkehrten, scheinen Sie aber ein spätes Glück gefunden zu haben. Sie sind zum kaum zu ersetzenden Leistungsträger avanciert. Eine Genugtuung für Sie?

Ich würde das nicht so nennen. Vielmehr ist es vor allem schade. Wenn’s nach mir gegangen wäre, dann wäre ich nie weg von Sechzig. Mein Herz schlägt blau. Ich fühle mich dem Verein und den Fans sehr verbunden. Ich bin hier mit ganzem Herzen bei der Sache.

„Mein Niveau halte ich noch vier Jahre“

Ihr Vertrag läuft im Mai aus. Sie werden im Februar 32, wie sehen Sie Ihre sportlichen Perspektiven?

Ich bin die kleinste Hürde bei den Verhandlungen mit 1860. Wenn ich gesund bleibe, spiele ich noch bis 36 auf meinem momentanen Niveau – auch eine Klasse höher.

Das Gespräch führte Armin Gibis

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