Torsten Lieberknecht, 39, hat als Trainer die Mannschaft von Eintracht Braunschweig von der 3. Liga bis an die Spitze der Zweiten Bundesliga geführt. Derzeit spricht alles dafür, dass die Niedersachsen, Deutscher Meister in der Saison 1966/67, nach 28 Jahren wieder in die Erstklassigkeit zurückkehren werden. Vor dem Gastspiel des TSV 1860 am Sonntag beim Tabellenführer (13.30 Uhr) unterhielten wir uns mit dem früheren Fußball-Profi (u. a. 1. FC Kaiserslautern, FSV Mainz 05, Eintracht Braunschweig) über das Überraschungsteam aus Braunschweig.
Torsten Lieberknecht, nicht zuletzt beim TSV 1860 schaut man neidvoll nach Braunschweig. Vor zwei Jahren spielten Sie mit der Eintracht noch in der 3. Liga, inzwischen ist Braunschweig heißer Kandidat für den Aufstieg in die Erste Bundesliga. Wie haben Sie das geschafft?
Wir standen 2008 ja kurz vor dem Niedergang in die Vierte Liga. Daraufhin haben wir uns komplett neu aufgestellt und begonnen, kontinuierlich zu arbeiten. Wir haben dabei auf die großartige Tradition von Eintracht Braunschweig und deren Wirkung in der Region Niedersachsen gebaut. Hinzu kommt, dass wir die Dinge mit Ruhe angehen konnten, und auch im Gesamtverein Ruhe herrschte.
Das Erstaunliche an dieser rasanten Aufwärtsentwicklung ist auch, dass in den Reihen der Eintracht überwiegend Spieler stehen, die vor dieser Saison kaum bekannt waren ...
Sicher, wir haben keine namhafte Truppe. Teilweise kommen die Spieler aus der Oberliga. In der Zweiten Liga haben sie dann aber eine unheimliche Entwicklung genommen. Wir haben zudem einen Grundstock an erfahrenen Spielern, wie Dennis Kruppke oder Domi Kumbela, die ihre Qualitäten schon nachgewiesen haben.
Kumbela ist der Top-Torjäger der Liga. Bevor er nach Braunschweig kam, ist der Stürmer nicht sonderlich in Erscheinung getreten. Wie wurden Sie auf ihn aufmerksam?
Kumbela hat ja schon 2007/08 ein Jahr in Braunschweig gespielt. Wir kannten ihn also. Dann hat es für ihn bei Paderborn und Ahlen nicht geklappt. Wir haben ihn zurückgeholt, weil wir das Gefühl hatten, dass er in Braunschweig eine Heimat hat. Er bekam von mir auch das volle Vertrauen. Wie man sieht, hat sich das gelohnt.
Der Erfolg der Eintracht scheint eine unaufhaltsame Eigendynamik bekommen zu haben. Von 22 Spielen wurden 15 gewonnen und nur eines verloren. So etwas nennt man wohl einen Lauf?
Wenn man das so sieht, dann haben wir den Lauf schon sehr lange. Das fing ja damit an, als wir 2011 mit dem Rekordergebnis von 85 Punkten Drittliga-Meister wurden. Wir sind dabei kontinuierlich gewachsen und haben schon im ersten Zweitligajahr erkannt, dass wir uns viele Punkte erkämpfen können, indem wir unsere Spielidee umsetzen. In dieser Saison sind weitere Erfolgserlebnisse dazu gekommen, die das Selbstvertrauen wachsen lassen.
Sie haben einst als Zweitliga-Profi zusammen mit Jürgen Klopp beim FSV Mainz 05 gespielt. Mit Dortmunds Meistertrainer stehen Sie immer noch in freundschaftlichem Kontakt. Ist Klopp als Trainer ein Vorbild für Sie?
Ich finde es immer bewundernswert, wenn du bei einer Mannschaft die Handschrift des Trainers siehst. Für mich ist aber auch Jupp Heynckes ein großes Vorbild, weil er sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder weiterentwickelt hat. Das ist schon beeindruckend, auch weil er aus einer ganz anderen Generation kommt, sich immer wieder neu aufgestellt hat und damit erfolgreich ist. Von Leuten wie Heynckes versuche ich zu lernen.
Der TSV 1860 ist ja mit großen Aufstiegshoffnungen in die Saison gestartet. Überrascht es Sie, dass die Löwen ihr Ziel wohl auch diesmal verfehlen werden?
Ich habe 1860 noch längst nicht abgeschrieben. Die Sechziger haben immer noch Chancen, den Relegationsplatz anzugreifen. Ich glaube auch, dass man viel, viel mehr aus der Mannschaft herausholen kann. Denn die Qualität, die in diesem Team steckt, ist hoch. Ich bin davon überzeugt, dass Trainer Alexander Schmidt diese versteckten Potenzial noch öffnen wird. Den TSV 1860 sieht man mit Sicherheit nicht nur in Braunschweig viel weiter vorne. Grundsätzlich überrascht mich in der Zweiten Liga nichts. Denn die Mannschaften sind sehr ausgeglichen. Da kann jeder jeden schlagen.
Der Vorsprung von Braunschweig auf den Tabellendritten ist mit zwölf Punkten bereits gewaltig. Da kann doch nichts mehr schief gehen, oder?
Sicher ist sich bei uns keiner. Wir wissen, dass wir als Mannschaft immer sehr dafür tun müssen, um zu gewinnen. Fakt ist aber auch: Wenn wir weiter so punkten, können auch wir es nicht verhindern, aufzusteigen.
Unvergessene Torwartlegenden
Sie haben vor kurzem Braunschweig mit Rio de Janeiro verglichen. Wie ist das zu verstehen?
Braunschweig ist grundsätzlich ein sehr euphorisches, emotionales Städtchen und hat den größten Karnevalsumzug in Niedersachsen. Der Vergleich mit Rio liegt da nahe. Es liegt im grundsätzlichen Naturell des Braunschweigers, dass er gern feiert.
Als Sie Ihren A-Lizenz-Trainerschein machten, schrieben Sie eine Abschlussarbeit zum Thema „Der Spagat zwischen Tradition und Zukunft“. Tradition und Zukunft sind auch beim TSV 1860 zwei wesentliche Spannungspole. Können Sie den Löwen da ein paar Tipps geben?
Von der Sitution des TSV 1860 weiß ich nur, was ich in der Zeitung lese: Ich bin also kein Kenner der Münchner Verhälntisse. In Braunschweig sehen wir es so: Man soll Tradition nicht als Last, sondern als Chance sehen. Unser Spagat in Braunschweig besteht darin, dass wir mit der Tradition leben; uns ist bewusst, dass Tradition ein großes Pfund und ein Vorteil gegenüber vielen anderen Vereinen ist. Ganz wichtig ist dabei auch, dass man diese Tradition nicht verkauft. Und da habe ich bei dem einen oder anderen Verein meine Bedenken. Denn wer seine Tradition verkauft, der muss um die Emotionalität kämpfen.
Das Interview führte Armin Gibis







































