Mentalcoach Alfred Böswald: „Das System 1860 ist chronisch krank“

„Das System 1860 ist chronisch krank“

406.05.09|TSV 1860|21 KommentareFacebook
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München - Alfred Böswald, früherer Mentalcoach der Löwen, über die grundlegenden Probleme des Vereins

"1860 leidet am Sündenbock-Syndrom", sagt Alfred Böswald.

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"1860 leidet am Sündenbock-Syndrom", sagt Alfred Böswald.

Gestern haben die Löwen ihr Trainingslager in Miesbach bezogen. Vor dem Heimspiel gegen Hansa Rostock sollen „alle Kräfte gebündelt werde“, wie es offiziell heißt. Das Kernproblem wird sich auf die Schnelle jedoch nicht austreiben lassen. „1860 leidet am Sündenbock-Syndrom“, sagt ein Mann, der bis zu seiner Verabschiedung im Dezember intimste Einblicke in das Innenleben des Fußball-Zweitligisten hatte: der Weilheimer Mentalcoach Alfred Böswald (47).

Herr Böswald, trauen Sie sich eine Einschätzung zu, warum es in der Rückrunde schon wieder so rapide bergab geht?

Aus meiner Sicht liegt das Problem nicht in den Köpfen der Spieler, die nie ein mentales Problem oder gar Motivationsprobleme hatten, sondern im System des Vereins 1860 München. Der TSV hat einen Virus, der seit einigen Jahren so tief sitzt, dass er immer wieder zu einem Abrutschen in die Erfolglosigkeit führt. Dieser Virus steckt im „Sündenbock-Syndrom“.

Das müssen Sie näher erläutern.

Nehmen Sie einen anderen Verein, meinetwegen den von den Löwen wenig geliebten FC Bayern. Dort übernimmt man Verantwortung. Das heißt: Wenn etwas schief läuft, wird die Wurzel des Problems gesucht. Man analysiert in vernünftiger, gemeinsamer Arbeit und findet dann eine Lösung. Die Betonung liegt auf „gemeinsam“.

Und bei 1860?

Die Historie zeigt: Bei 1860 sucht man nicht das Problem und die Lösung, sondern einen Sündenbock – ganz egal, wer das ist. Statt bei sich selbst, sucht man bei anderen die Schuld am Misserfolg. Und diese Einstellung pflanzt sich fort bis hinunter zu jenen Spielern, die charakterlich oder von der Mentalität her keine Führungstypen sind.

Bei keinem Verein wechseln die handelnden Personen schneller und öfter. Und trotzdem überlebt dieser Virus?

Ja, weil das System 1860 chronisch krank ist: Der TSV bietet auf Funktionärsebene seit Jahren eine Spielwiese für führungsschwache Charaktere, also für Menschen, die nicht wirklich in die Verantwortung gehen wollen, sondern Profilierung suchen. Dies führt zu einer Kultur der Alibis – jeder sucht sich seinen Schuldigen und stört die Arbeit in jenen Ressorts, von denen er keine Ahnung hat.

Zum Durchklicken: Tour durchs Grünwalder Stadion

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Verglichen mit dem Frühjahr war es zuletzt aber einigermaßen ruhig.

Das sehe ich anders. Was derzeit bei 1860 passiert, ist die Demontage eines Trainers, wie sie schlimmer nicht sein kann. Wenn man meint, dass Uwe Wolf nicht der Richtige ist, dann darf man Marco Kurz nur entlassen, wenn man den gewünschten Nachfolger präsentieren kann. Wolf hatte von Anfang an keine wirkliche Chance. Dabei halte ich ihn für einen sehr guten Trainer, weil er es versteht, Disziplin, Respekt und persönliche Nähe gleichermaßen einzubringen. Aber statt ihm den Rücken zu stärken, wird er öffentlich zur Marionette degradiert.

Wie wirkt sich das auf die Mannschaft aus?

Wenn ein Spieler merkt, dass ein Trainer, der ja irgendwo ein Vorbild ist, vom Verein getragen wird, hängt er sich rein. Spürt er aber, dass der Trainer nur ein paar Wochen überlebensfähig ist, dann sagt er sich: Es lohnt sich nicht, diese Mentalität zu übernehmen. Wer weiß, wer morgen kommt. Das Resultat sieht man derzeit auf dem Platz.

Ein klarer Vorwurf gegen Sportchef Miroslav Stevic und Geschäftsführer Manfred Stoffers?

Es geht nicht um die neuen Köpfe. Es ist dieser angesprochene Profilierungs-Virus: Funktionäre lassen sich für Erfolge feiern, die sich wenig später als Flop herausstellen. Und um vom selbst verursachten Desaster abzulenken, müssen Sündenböcke her. Da kommt so eine sportliche Misere schizophrenerweise gerade gelegen. Da kann ich mich wunderbar auf andere einschießen, bin aber selbst aus der Schusslinie.

Wurde so auch Finanzchef Markus Kern aus dem Amt gedrängt?

Ich weiß es nicht. Herr Kern hat vor einem finanziellen Drahtseilakt gewarnt und wollte einen anderen, einen solideren Weg gehen. Das hat den Gescheiterten wohl nicht ins System gepasst. Also wird nach politischem Strickmuster der Überbringer schlechter Nachrichten geopfert.

Und wie sehen Sie die Situation bei Uwe Wolf?

Uwe Wolf bekommt seit Wochen Probleme, weil die vertraglichen Hängepartien die Köpfe der unsicheren Spielertypen blockieren. Wohlgemerkt: der unsicheren. Einem Daniel Bierofka, der leider verletzt ist, oder einem Benny Lauth brauche ich nicht zu sagen, dass sie sich fürs Team einsetzen sollen. Deshalb bleibe ich dabei: Das Kernproblem ist das Fehlen einer stringenten Philosophie von der Funktionärsebene bis in die Spielerkabine. Diese Philosophie heißt „Anderen Vertrauen geben – selbst Verantwortung übernehmen“.

Was lässt sich auf die Schnelle tun?

Man sollte Uwe Wolf in der jetzigen prekären Phase unbedingt alleinverantwortlich mit der Mannschaft arbeiten lassen. In dem Moment, wo wer auch immer die Arbeit des Chefcoachs aktiv zu beeinflussen versucht, biete ich einigen Spielern schon wieder das Alibi, der Trainer sei nicht kompetent und damit eher er für den Misserfolg verantwortlich. Sollte Miroslav Stevic aber wirklich an Wolfs Arbeit zweifeln, muss er ihn konsequenterweise beurlauben und sich als Trainer und Sportdirektor dieser Doppelverantwortung stellen.

Ist das Krisen-Trainingslager aus der Sicht eines Mentalcoachs eine gute Maßnahme?

Kurzfristig kann das sehr positiv sein, aber dann darf auch wirklich nichts aus diesem hermetischen Zirkel nach außen dringen. Sitzt jemand drin, der Infos oder Befindlichkeiten von Spielern oder Cliquen weitergibt, ist das Ganze hoch kontraproduktiv.

Muss man nicht schwarz sehen, wenn sich zum Misserfolg jetzt auch noch lähmende Abstiegsangst gesellt?

Ich muss mal mit einem alten Märchen aufräumen: Profifußballer haben keine lähmenden Ängste, wenn es gegen den Abstieg geht! Die einzige Angst, die sie haben, ist, dass sie eventuell keinen Vertrag mehr bekommen. Sie haben keine Angst um 1860.

Was macht man mit Spielern, die wissen, dass sie gehen müssen?

Solche Spieler kann man nur bei der persönlichen Ehre packen und ihnen sagen: Du spielst doch nicht nur für den Namen 1860, sondern vor allem auch um deine Zukunft. Für sie geht es um so etwas wie persönlichen Stolz.

Glauben Sie an die Rettung?

Ja. 1860 braucht drei Punkte aus vier Spielen. Letztes Jahr hatten wir die gleiche Situation: Da hat keiner in der Mannschaft wirklich daran geglaubt, dass man gegen Osnabrück zu Hause bestehen kann. Am Ende hat es eine kleine Gruppe gerichtet und mit der Brechstange den entscheidenden Punkt geholt. Wenn es der Mannschaft am Freitag und in den darauf folgenden Partien gelingt, leidenschaftlich jeder für seinen Ruf und alle zusammen für den des TSV 1860 München zu kämpfen, dann wird das Team um Uwe Wolf und Benny Lauth am Ende erfolgreich sein. Das wünsche ich ihnen sehr. Und danach dem TSV 1860 gute Besserung!

Interview: Uli Kellner

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