912.05.09|TSV 1860|TSV 1860|12
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München – Für 1860-Coach Wolf ist die Tabelle Motivation genug – an das peinliche Hinspiel-3:3 gegen Wehen denkt er nicht

© sampics
Helfer in der Not: Mit seinem späten Ausgleichstor gegen Rostock hat sich Sascha Rösler viele Freunde bei den Löwen gemacht – auch Trainer Wolf (r.) zählt dazu.
Der Chronist des TSV 1860 hat eine vorbildliche Berufsauffassung. Bei den wöchentlichen Pressekonferenzen erhalten die Reporter praktische Zettel, auf denen alles Wissenswerte zum jeweils bevorstehenden Spiel aufgelistet ist: „Information Tickets“, „Letztes Aufeinandertreffen“, „Schiedsrichter“, drohende Gelbsperren, usw. Ein toller Service ist das, aber noch bemerkenswerter ist, wie schonungslos der 1860-Chronist auch unangenehme Details ins Gedächtnis ruft.
Vor der eminent wichtigen Partie in Wehen notierte er unter dem Punkt „Serien/Besonderes“: „Seit acht Spielen sind die Löwen ohne Sieg.“ „Der letzte Erfolg gelang auswärts beim FC Ingolstadt (3:2)“ – mehr als zwei Monate ist das her. Und nicht zu vergessen: „Beim Hinspiel führten die Löwen bereits mit 3:0, in der 90. Minute konnte Wehen Wiesbaden zum 3:3 ausgleichen.“ Details, die ein Trainer aus psychologischen Gründen unter Umständen verschwiegen hätte.
Zum Glück ist Uwe Wolf in seinem Auftreten weitgehend schmerzfrei. Einer wie er lässt sich von solchen statistischen Ohrfeigen in keiner Weise beeindrucken. Okay, beim peinlichen Hinspiel-3:3 war auch noch Marco Kurz verantwortlich. Und den Negativserien unter seiner Regie, denen setzt Wolf ganz einfach seinen unerschütterlichen Optimismus entgegen. Seit acht Spielen sieglos? Auswärts zuletzt mit drei Niederlagen aus vier Spielen? Na und, denkt sich der Übergangscoach und gibt als Parole für heute aus: „Wir fahren nach Wehen, um dort zu gewinnen.“
Nach Einschätzung von Wolf, der offenbar noch an das Gute im Fußballprofi glaubt, müsste das Tabellenbild Motivation genug sein. „Da brauch’ ich nix aus der Zauberkiste rauszuholen“, sagt er, „meine tägliche Ansprache muss genügen.“ Trotz des bedrohlich näher rückenden Relegationsplatzes ist er überzeugt, dass nur Spieler „in den Bus einsteigen“, die den Klassenerhalt fest im Visier haben. 37 Punkte stehen vor dem Anpfiff auf dem Löwen-Konto. 40 sind das Ziel, bei dem man nach landläufiger Einschätzung als gerettet gilt. Koblenz, das den kritischen 16. Platz innehat, liegt aktuell bei 34 Zählern.
Nach den Eindrücken des Abschlusstrainings darf sich Sascha Rösler, der das 3:3 gegen Rostock erzwungen hat, Hoffnungen auf einen Platz in der Startelf machen. Nicht dabei sind Torhüter Michael Hofmann, die Bender-Brüder und Daniel Bierofka. Bei allen vieren hat das mit alten Verletzungen zu tun, nicht etwa damit, dass sie Wolfs Forderung nach einem selbstbewussten Besteigen des Busses nicht erfüllen könnten.
Nehmen die Profis ihre Arbeit so ernst wie der Vereinschronist, sollte das Thema Abstieg heute Abend erledigt sein. Unabhängig davon dürfen sich die Medienvertreter schon jetzt auf den Beipackzettel zum Aachen-Spiel am Sonntag freuen. Dann vermutlich mit den folgenden statistischen Schmankerln: „Die Löwen warten seit elf Wochen auf einen Heimsieg.“ „Der letzte Liga-Erfolg gegen Aachen liegt über vier Jahre zurück.“ Oder auch: „Beim 0:2 im Hinspiel kassierten die Löwen nach 57 (!) Sekunden das erste Gegentor.“ Die Chronistenpflicht gebietet es.
von Uli Kellner
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