München - Nächster Schock für die Löwen-Fans! Es gibt nicht nur keine Neuen, sondern auch den Sommer-Abgang von Stefan Aigner zu beklagen. Schuld ist das Führungschaos. Sein Berater findet klare Worte.

© sampics
Stefan Aigner ist im Sommer weg.
Glas Rotwein in der Hand, Katze auf dem Schoß. Was sich wie ein perfekter Tagesausklang in aufgeräumter Stimmung anhört, war am Donnerstagabend der Versuch von Florian Hinterberger, den größten Frust seiner noch jungen Managerkarriere zu lindern. Zwei Stunden zuvor hatte der Löwen-Sportchef erfahren, dass seine Arbeit der letzten Wochen für den Papierkorb war. Nachdem Investor Hasan Ismaik das Festhalten des Vereins an Präsident Dieter Schneider mit einem Entzug weiterer Alimentierungen bestraft hat, musste Hinterberger diverse Spieler und Berater anrufen, um angebahnte Transfers abzusagen. Wie sich das anfühlt? „Beschissen“, sagte der 53-Jährige. „Das muss ich jetzt erstmal verdauen.“
Tags drauf kam’s dann noch dicker für Hinterberger. Als Reaktion auf die nicht enden wollenden Querelen hat Stefan Aigner angekündigt, spätestens im Sommer das Weite zu suchen. Der Publikumsliebling, unweit des Vereinsgeländes aufgewachsen und von Kindesbeinen an mit den Löwen verbunden, hätte seinen Vertrag gerne verlängert, wie sein Berater Michael Koppold mitteilte. Allerdings seien beide, der kickende Fan Aigner und der als 1860-Mitglied registrierte Koppold, so geschockt gewesen über den Umgang „mit dem verdienten Dieter Schneider“, dass man sich nun zu einem Neuanfang des Offensivspielers auf unbelastetem Terrain entschloss, dem Vernehmen nach beim 1. FC Nürnberg. "Ausschlaggebend war der Zirkus der letzten drei Tage", erklärte Koppold am Freitagvormittag gegenüber tz-online. "Die Chance, dass er bleibt, war eigentlich ganz groß. Doch jetzt war der Punkt gekommen, wo man sagt: Es geht nicht mehr."
„Tut mir leid für die Fans“, ließ Aigner ausrichten. „Es war eine geile Zeit hier, aber ich muss auch an meine Karriere denken.“ Der torgefährliche Außenbahnspieler wird im August 25 Jahre alt und hat noch mehr vor in seinem Fußballerleben, als täglich neue Schlagzeilen über Funktionäre zu lesen, die sich gegenseitig zerfleischen, anstatt konstruktiv an einer gedeihlichen Zukunft zu arbeiten. „Stefan Aigner ist 1860 pur“, bedauert Schneider den nahenden Abschied. „Insofern ist das schon eine ganz, ganz bittere Pille.“ Hinterberger ist derweil bemüht, die Sache sportlich zu sehen. „Mir war klar, dass es schwer wird, ihn zu halten, wenn ein Erstligist anklopft“, sagte der Manager und verriet noch eine andere Frustbewältigungsstrategie: „Schütteln, aufstehen – so, wie man das als Sportler gelernt hat. Wir wollen den Verein ja nicht in Schutt und Asche legen, sondern auch weiterhin versuchen, sportlich erfolgreich zu sein.“
Dazu müsste allerdings ein kleines Wunder passieren. Das Signal für die Fans ist schon jetzt verheerend. Und auch bei der Mannschaft wird es nicht gut ankommen, dass nach Kevin Volland ein weiterer Eckpfeiler des gefürchteten Offensivquartetts den Verein verlässt. War der Investor nicht angetreten, um die Löwen in die Bundesliga zu führen und mittelfristig einen zweiten „FC Barcelona“ aufzubauen? Inzwischen droht eher ein Totalschaden. Sportlich. Finanziell. Was das Image betrifft, ist er schon da.
Das Schlimmste für den leidgeprüften Anhang ist, dass in der Stunde Null keiner den Eindruck vermittelt, als hätte er einen Plan, wie es jetzt weitergehen könnte. Ismaik: Schmollt offenbar, weil er sich vom Schneider-affinen Vereinsumfeld zu wenig gebauchpinselt fühlt; um sportlichen Fortschritt scheint es dem schwer fassbaren Jordanier schon länger nicht mehr zu gehen, wenn er nun sogar seinem eigenen Investment den Nährboden entzieht. Schneider: Hat den Auftrag des Aufsichtsrats, die Versöhnung anzupacken; erschwert wird das Ganze aber dadurch, dass auch er keine Telefonnummer des Investors kennt. Otto Steiner, der Chef des Aufsichtsrats: Vermittelt, wo es geht, doch auch ein Treffen bei ihm zu Hause mit unter anderem Iraki und Schneider brachte keine Lösung (den Kompromissvorschlag, dass Schneider zu einem späteren Zeitpunkt abtritt, wenn die Weichen auf Erfolg gestellt sind, soll der Präsident abgelehnt haben). Hamada Iraki, Unterhändler des Investors, nährt derweil Hoffnung auf weitere Investitionen – in der Causa Schneider bleibt er jedoch hart.
Investor Hasan Ismaik ist weiterhin nicht greifbar, weder für den TSV 1860 noch für die Münchner Presse. Hamada Iraki, sein als Sprachrohr fungierender Vertrauter, gab jetzt aber ein Interview. In der „tz“ deutete das Beiratsmitglied an, was die Investorenseite Vereinspräsident Dieter Schneider vorzuwerfen hat. „Der e.V. hat in der Zeit seit unserem Einstieg nicht viel mehr gemacht, als öffentlich eine Kriegs-Illusion und Schreckensbilder zu zeichnen“, so Iraki.
Auf die Frage, was nun passiere, sagte er: „Weder ich noch Herr Ismaik haben 1860 aufgegeben. Wir halten an unserem Plan fest und lassen uns von niemandem aufhalten.“ Nicht mal von Dieter Schneider. Iraki weiter: „Ob mit oder ohne Herrn Schneider wird uns von unseren Zielen nichts abbringen. Der e.V. ist nicht Herr Schneider, sondern ein traditionsreicher Verein, der vielen Fans gehört. Die Entscheidung wird letztlich der Verein oder Herr Schneider selbst treffen müssen.“ Klingt weiterhin nicht unbedingt nach Versöhnung. Fortsetzung folgt. Garantiert.
Im Verein bzw. der KGaA bereitet man derweil den schlimmsten Fall vor. Dieses Szenario bedeutet: Keine Einigung, keine weiteren Gelder durch den Investor – eine Partnerschaft, die nur noch durch die Heftklammern der Verträge zusammengehalten wird. Steiner entwirft für diesen Fall ein düsteres Szenario: Ein Wirtschaftsplan, der einen verschärften Sparkurs vorsieht, werde derzeit erstellt. Den Verkauf weiterer Leistungsträger will er nicht ausschließen (bliebe fast nur Daniel Halfar). Und selbstverständlich bedeute der Notplan auch das Schlimmste, das den Zweitligisten im dann neunten Jahr treffen kann: „Abschied der Bundesliga-Ambitionen.“ Ohne Ismaiks Millionen müsste der Verein zusehen, dass er einen Schmalspurkader unterhält, der zumindest das Überleben im Profifußball ermöglicht.
Angesichts dieser nicht unwahrscheinlichen Option kann man Aigners Flucht durchaus verstehen.
Von Uli Kellner



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