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Das Problem aus Block 132: Löwen gehen gegen rechte Fans vor

Das Problem aus Block 132: Löwen gehen gegen rechte Fans vor

München - Neonazis in der Nordkurve: Seit Jahren ist das Problem bei Verein und Fans bekannt. Zum Rückrundenstart will der TSV 1860 gegen die Rechten in den eigenen Reihen vorgehen.

© dpa

Mit symbolischen Aktionen und möglicherweise auch mit Hausverboten will der Verein das Problem anpacken.

Prügelei eigenen Fan-Block: Beim Spiel gegen Cottbus gingen letzte Saison in der Nordkurve, wo die treuesten Löwen-Anhänger stehen, Fans aufeinander los. Die Polizei musste sie trennen. Wie die Schlägerei entstand, wurde nie ganz geklärt. Klar ist aber: Beteiligt waren jene Neonazis, die seit Jahren im Block 132 stehen. Damals kündigte 1860 an, zu reagieren. Als im Dezember „Spiegel Online“ über die Rechten im Fanblock berichtete, bekam das Problem bundesweite Öffentlichkeit. Die Sechzger distanzierten sich in einer Mitteilung von den Fans, die sich mit einer eigenen Blockfahne als „Outsiders“ bezeichnen und nach Einschätzung von Szene-Kennern immer wieder versucht haben, die Stimmungshoheit in der Kurve zu bekommen. Zur Rückrunde will der TSV mit einer Reihe von Maßnahmen gegen Neonazis in den eigenen Fan-Reihen vorgehen.

Dafür nimmt sich der Geschäftsführer selbst Zeit. Am Morgen hat Robert Schäfer wieder Schlagzeilen lesen müssen, die ihm nicht gefallen haben. Von „Erpressung“ war die Rede, der Konflikt um den Investor und Präsident Schneider ist dieser Tage das große Thema bei den Löwen. Im Besprechungszimmer hängen Wimpel, die von besseren Zeiten des Vereins zeugen. Hier empfängt Schäfer, wie immer im feinen Zwirn, zu einem Gespräch über die Rechten in der Nordkurve. Er will signalisieren: Bei Sechzig nimmt man das Thema ernst.

„Ohne von Schulden erdrückt zu werden, können wir uns jetzt wieder Themen zuwenden, die zu klären sind“, sagt Schäfer. Er hat einen Ausschnitt aus der Stadion-Zeitung „Löwen-News“ von 2009 mitgebracht, will zeigen, dass der Verein das Problem auch bisher nicht gänzlich ignoriert hat. Schäfer hat sich vorbereitet, liest aus seinem Block ab, was zu tun ist. Ein Konzept hat der Verein erarbeitet. Das soll in Details noch mit dem Fanrat abgestimmt werden. Schon in der Rückrunde wollen die Löwen sich positionieren. „Es ist natürlich wichtig, nicht alle Fans zu kriminalisieren“, sagt er. „Es gibt keinen Nazi-Block, wie die das suggerieren wollen. Nazis waren eben schon immer Wichtigtuer.“

Dass die Rechten aber da sind und einen bekannten Stammplatz haben, darauf weist die Fan-Initiative „Löwen-Fans gegen Rechts“ seit Jahren hin. Der 53-jährige Herbert Schröger ist einer der aktiven Fans. Seit 40 Jahren ist er Blauer. Da hat man manches mitgemacht – und Schröger wirkt auch nicht wie einer, der sich schnell aus der Ruhe bringen lässt. Die Rechten in der Kurve nerven ihn aber gewaltig. „Wir wollen explizit nicht links sein, sondern einfach Löwen-Fans, die sich gegen Nazis wehren“, sagt er. „Was gar nicht geht, ist, dass die einen geduldeten Treffpunkt haben.“ Mit seinen Mitstreitern stand er jahrelang unweit der Rechten. Neben einem harten Kern hat er auch schon Nazis aus dem Umfeld des verurteilten Rechtsterroristen Martin Wiese ausgemacht – und solche, die bei rechten Demonstrationen dabei sind, wie erst vor wenigen Tagen, als beim Nazi-Aufmarsch ein Rechter mit 1860-Pullover in der ersten Reihe lief. „Gewalttätig sind die auf alle Fälle“, sagt Schröger. Im Stadion selbst halten sie sich meist zurück.

„Sonst wären die ja auch ganz schnell wieder draußen“, sagt Ronny Blaschke. Der Fußball-Forscher hat ein Buch über Neonazis im Fußball geschrieben – in Aachen wurde eine seiner Lesungen von Rechten gestört. „Den Hitler-Gruß zu zeigen, das ist doch in so einem modernen Stadion gar nicht mehr möglich“, sagt Blaschke. Dutzende Kameras beobachten in der Arena die Fans – und sehen kleinste Details. Da kann es vorkommen, dass ein Ordner aufgefordert wird, zu einem bestimmten Sitz zu gehen, um sich einen Aufnäher anzusehen, ob er erlaubt ist. Eine Konsequenz : Die Rechten agieren in den neuen Stadien zurückhaltender. „Natürlich sprechen sie aber Jugendliche an, die noch keine feste politische Meinung haben“, sagt Blaschke.

Das hat bei den Löwen auch Andrea Sailer beobachtet. Sie ist Sozialarbeiterin beim Fanprojekt. „Die probieren, Kontakt zu den Jungen zu kriegen“, sagt sie. Das Fanprojekt sitzt im Erdgeschoss eines Altbaus am Haidhauser Johannisplatz. Bis vor kurzem hing hier ein Plakat im Schaufenster: „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, nie mehr Bayernliga“. Die Sozialarbeiter sind auch bei Auswärtsspielen dabei, kennen die Fans, versuchen bei Konflikten mit der Polizei zu vermitteln.

Im Stadion hört man noch gelegentlich „Uhuhuh“-Rufe, wenn ein schwarzer Spieler am Ball ist, solche Ausfälle sind aber deutlich seltener geworden als noch in den 90er-Jahren. Fans, die bei fast jedem Spiel dabei sind, berichten, dass es außerhalb des Stadions häufiger zu rechtsradikalen Beschimpfungen komme, oder es werde das Lied gesungen von der „U-Bahn nach Auschwitz“. Vor bei einem Amateur-Spiel wurden auch schon Flugblätter für einen „Heldengedenkmarsch“ verteilt.

Wie kriegt man das Problem in den Griff? Schwierig wird es dann, wenn es um konkrete Maßnahmen geht. Zum Beispiel ist das Tragen der bei Rechten beliebten Marke „Thor Steinar“ im Stadion bereits verboten. Auf den Klamotten ist oft eine Norwegen-Fahne zu sehen. Es sei vorgekommen, berichtet Sailer, dass Fans am Eingang Probleme bekamen, weil auf ihrer Jacke eine Norwegen-Fahne zu sehen war. Unter den Fans, die im Internet eifrig diskutieren, ist man sich nicht einig, was 1860 tun soll. Die Rechten rauszuschmeißen? Ist rechtlich schwierig. Aber auch nicht unbedingt erwünscht. „Dürfen demnächst auch Atomkraft-Befürworter nicht mehr ins Stadion?“, fragt einer lakonisch. „Und was ist mit Fleischessern?“ Das einzige, was raus gehöre, sei: die Politik.

Auch bei anderen Vereinen kennt man Probleme mit Rechten seit vielen Jahren. Rolf-Arnd Marewski hat sich als Sozialarbeiter für Borussia Dortmund-Fans seit den 80er-Jahren mit dem Phänomen beschäftigt. Mit Ruhrpott-Dialekt erzählt Marewski von „den Jungs“, wenn er von gewaltbereiten Fans spricht. Meistens wollten auch die nichts mit Nazis zu tun haben, sagt er. „Der labert mir zu viel“, hätten sie immer über einen Rechten gesagt, „wir wollen doch nur boxen.“ Von den Vereinen wünscht er sich klare Positionen: „Die Spieler müssten Banner tragen: Rechts ist für mich Rechtsaußen. Der Verein muss klipp und klar zeigen, auf welcher Seite er steht.“

Das will der TSV jetzt tun. Auf den Anzeigentafeln sollen Slogans wie „Kein Platz für Intoleranz und Rassismus“ gezeigt werden. Ein Artikel über 1860 in der NS-Zeit wird wieder auf der Vereins-Homepage erscheinen. In jeder Ausgabe der „Löwen-News“ soll eine halbe Seite für den Kampf gegen Rechts reserviert sein.

1860 belässt es nicht bei symbolischen Aktionen. In einem Flyer sollen rechte Symbole erklärt werden. „Wir wollen nicht nur die Fans sensibilisieren, sondern auch den Ordnungsdienst“, sagt Schäfer. Wer verfassungsfeindliche Symbole zeige, „der fliegt raus“. Die Polizei solle die Rechten „unter verschärfte Beobachtung stellen“.

Dass 1860 für die Neonazis attraktiver sei als „der Verein aus der Nebenstraße“, schreibt ein Fan im Internet, sei auch in der „teils unrühmlichen Vereinshistorie“ begründet. Unter den Nationalsozialisten hatten die Löwen die enge Bindung zum Regime gesucht – anders als der FC Bayern mit seiner jüdischen Tradition.

Dass 1860 sich des Problems erst jetzt annimmt, wundert Fußball-Forscher Blaschke nicht. „Das ist sinnbildlich für den Großteil der Branche“, sagt er „dass der Verein erst handelt, wenn der öffentliche Druck wächst.“ Die „Löwen-Fans gegen Rechts“ hingegen haben sich im Stadion etwas zurückgezogen. „Wir hängen uns Transparent nicht mehr auf“, sagt Schröger. „Das ist jetzt Sache des Vereins.“

Felix Müller

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