München – Natürlich herrschte auch am Tag nach dem großen Sieg Halligalli-Stimmung an der Grünwalder Straße. Das Löwenstüberl war bunt geschmückt, die Livemusik angekündigt, im Kühlschrank lagerten üppige Prosecco-Vorräte.

© M.I.S.
Daniel Bierofka (r. neben Benny Lauth) sieht das gute Arbeitsklima als Plus der aktuellen Löwen-Mannschaft.
Proben die Sechziger für den Aufstieg? Schnappen alle schon wieder über, weil der hart erkämpfte 2:1-Sieg gegen Düsseldorf die Erfolgsserie auf sieben Spiele verlängerte? Weit gefehlt! Überschwang und fröhliche Umtriebe waren nur im kleinen Reich der Vereinswirtin anzutreffen. Mit schriller Perücke und Paillettenhut bereitete die gute Christl mittags ihren „Rosenmontags-Ball“ vor. Die Helden vom Vortag dagegen pflegten ihre müden Knochen – und gingen danach brav nach Hause.
Wie nach dem Sieg gegen Cottbus (2:0) vor zwei Wochen hatte Reiner Maurer „Individualtraining“ angesetzt. Bedeutet: Keine festen Komm- und Geh-Zeiten, jeder absolviert sein eigenes Regenerationsprogramm, natürlich in enger Abstimmung mit Trainerstab, Physios und Ärzten. Die meisten Profis, die tags zuvor bis zum Umfallen gekämpft hatten, wirkten auch gar nicht so, als sei ihnen nach etwas anderem als Körperpflege und intensivem Füßehochlegen zumute. „Krank, kaputt, Schulter tut weh“, gab Daniel Bierofka seinen Gesundheitszustand wieder, als er aus der Kabine trat, „aber bis Freitag geht’s schon wieder“. Seine Gedanken kreisten bereits um das bevorstehende Spiel bei Union Berlin, „das in der Heimtabelle genauso gut dasteht wie wir“ (nämlich mit acht Siegen bei nur zwei Niederlagen). Die Wiedererlangung persönlicher Fitness beschäftigte Bierofka daher mehr als die Lobgesänge nach einem Sieg, den er korrekt als „teilweise auch glücklich“ einstufte.
Es dürfte Maurer gefallen, wie realistisch sein Team den anhaltenden Höhenflug einordnet. So sehr sich die junge TV-Reporterin auch bemühte, mehr als die übliche „Wir denken von Spiel zu Spiel“-Floskel war aus dem alten Routinier Bierofka nicht herauszuquetschen. „Es sind immer noch sechs Punkte“, argumentierte der Vizekapitän, „und das Nachholspiel in Aue muss erst gespielt werden. Das wird schwer genug.“
Womöglich würden sich die Löwen etwas weiter aus der Deckung wagen, wenn in dieser Saison nicht einige ungünstige Faktoren zusammenkämen. Mit 38 Punkten aus 21 Partien wäre man in einigen Jahren ganz weit oben gestanden. Heuer jedoch, da gleich fünf Teams in atemberaubendem Tempo vorausgesprintet sind, werden vermutlich mehr als 60 Punkte nötig sein, um mindestens Platz drei zu erreichen. Die Chance, eine Serie wie vor sieben Jahren zu starten, als er mit den Löwen 16 Mal unbesiegt blieb, stuft Maurer angesichts der ausgeglichenen Liga als „äußerst gering“ ein. Gleichwohl hat er die Gewissheit, dass er in der Lage ist, ein Team zu Serientaten zu pushen. 1,95 Punkte im Schnitt holte er 2005, als es um ein Haar noch zum Aufstieg gereicht hätte. Jetzt liegt er schon wieder bei 1,81 Punkten. Kein anderer Trainer seit dem Abstieg 2004 erreichte annähernd solche Werte.
Und es gibt noch ein paar andere Dinge, die den Fans Hoffnung machen. Bierofka weist darauf hin, dass es im Team „einfach passt“ und das Selbstvertrauen mit jedem Sieg größer wird. Nicu ahnt, dass 1860 vielleicht nicht die beste, aber die am besten harmonierende Mannschaft der Liga hat. „Die größte Kraft entfaltet sich immer über das Team“, lehrt der Offensivmann. „Bei uns im Kader sind nur pflegeleichte Typen. Alle sind super drauf.“ Und Spaß am Beruf war noch nie die schlechteste Voraussetzung, um erfolgreich zu sein.
Auf die Frage, warum es so gut läuft, hat Maurer eine gleichermaßen einleuchtende wie simple Erklärung: „Wir haben keine Spieler abgegeben, waren im Trainingslager und haben nicht mehr die Ungewissheit, dass von heute auf morgen unvorhergesehene Finanzdinge passieren.“ Soll heißen: Zum ersten Mal kann er bei 1860 unter Normalbedingungen arbeiten.
Uli Kellner



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