028.12.07|Sport|Sport|
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München - Allgemeiner Tenor: Die Skispringer sind arme Kerle. Müssen am Neujahrstag mittags auf die Schanze, dürfen also an Silvester nicht ins Neue Jahr hineinfeiern. Dabei sind sie gar nicht die Ersten, die an diesem Tag sportliche Höchstleistung bringen. Viel früher sind die Langstreckenläufer dran, die sich in Zürich zum Neujahrsmarathon versammeln. Die Startzeit: 0.00 Uhr.
Ob die Läufer überhaupt einen Startschuss benötigen? Da muss Roger Kaufmann schmunzeln: "Es gibt einen. Aber eigentlich wäre er überflüssig." Weil es in der betreffenden Null-Uhr-null-Sekunde ohnehin überall knallt. Weil die Silvester-/Neujahrsraketen hochgehen, die Böller zünden.
Alle zählen den Countdown, und die Läufer an der Startlinie auch: "Zehn, neun, acht . . .". Man begrüßt das Neue Jahr, das man auf die sportlichste Art angeht. Laufend. Organisator Kaufmann erzählt, wie es in der vergangenen drei Jahren zuging: "Die ambitionierten Läufer starten gleich voll durch. Weiter hinten prostet man sich zu, wünscht sich ein gutes Neues Jahr." Die ernsthaften Marathonis verschieben diese Prozedur. Die guten Wünsche erbieten sie einander im Ziel, 42,195 km später.
Der Schweizer Mathematiker Roger Kaufmann, 33, hatte die Idee zum Züricher Neujahrsmarathon. Er ist passionierter Ausdauersportler und sagt: "Ich habe es immer genossen, zu Laufveranstaltungen zu kommen. Man zahlt sein Startgeld, alles ist organisiert, man macht seinen Lauf und nimmt etwas mit." Diese Annehmlichkeit wollte er auch anderen Läufern bieten. "Der zweite Teil meiner Idee war: Man kann bei uns Weltjahresbestleistungen aufstellen." Früher hatte er amüsiert gelesen, wenn im Januar von Jahresbestmarken die Rede war nun macht er sich das Kalendarium zunutze. Den Zürichern kann niemand zuvorkommen "höchstens, auf den Fidschi-Inseln kommt auch jemand auf diese Idee". In östlicheren Zeitzonen beginnt das Jahr ein paar Stunden eher. Doch noch hat Zürich sein Null-Uhr-Alleinstellungsmerkmal. "Und wir werden für immer die Ersten gewesen sein", sagt Kaufmann.
Er hat eine Zusatzausbildung als Streckenvermesser gemacht, daher sind die Züricher 42,195 km entlang der Limmat überwiegend auf Naturwegen ("Da gibt es keinen motorisierten Verkehr, wir brauchen nichts abzusperren, und in der Silvesternacht ist es sicherer") amtlich, und da der Neujahrsmarathon eine offizielle Veranstaltung des Schweizer Leichtathletik-Verbandes ist, steht der Anerkennung der erzielten Zeiten auch nichts im Wege. Es gibt also etliche nationale (Teilnehmer aus elf Ländern haben sich für 2008 gemeldet) und Weltjahresbestleistungen. Zwei Stunden 38 Minuten sind der Zürcher Streckenrekord. "Das hat schon fünf, sechs Marathons überdauert, das hält bis etwa Dreikönig", so Roger Kaufmann. Es wird viel gelaufen in der Welt, fast jeden Tag ist irgendwo ein Wettbewerb. Zürich bietet neben dem Marathon noch Halbmarathon und 10 Kilometer-Lauf an.
2:38 Stunden sind natürlich keine Weltklasse-Zeit, der Weltrekord von Superstar Haile Gebrselassie ist 34 Minuten besser. Aber: "Bei uns wird auf unbeleuchteten Wegen gelaufen, den Teilnehmern wird empfohlen, Stirnlampen zu tragen. In der Dunkelheit ist man auf 42 km fünf bis zehn Minuten langsamer als bei Helligkeit." Für den kommenden Dienstag haben der 25. der deutschen Marathon-Bestenliste gemeldet und der spanische Meister im 100-km-Lauf. Die 2:38 könnten fallen.
Man rechnet mit 500 Teilnehmern, etwa 150 werden den Marathon angehen. Das Teilnehmerfeld deckt nach den Beobachtungen von Roger Kaufmann bei den bisherigen drei Austragungen das gesamte Läuferspektrum ab: "Leute, die es sonst nicht zu Wettkämpfen zieht und die sagen: Das mache ich mal aus Spaß. Und solche, die ambitioniert sind." Die Vorbereitung variiert: Von denen, die einfach "eine lange Nacht machen" bis zu den ernsthaften, "die am 31. Dezember erst um 15 oder 16 Uhr aufstehen, damit sie ab Mitternacht ihre Topleistung bringen."
Die erste Stunde ist für alle Züricher Marathonis noch der pure Genuss. Der Himmel ist vom Feuerwerk dauererleuchtet, die Helfer an der Strecke schmettern jedem einen Neujahrsgruß entgegen. "Doch danach", kündigt Roger Kaufmann an, "ist jeder für sich". Es geht hinaus aus der Stadt, über die Dörfer, am Wegesrand steht allenfalls mal eine "Finnen-Kerze" ein Baumstumpf in Flammen.
Gegen halb drei Uhr am Morgen hat das Sportjahr seinen ersten großen Sieger. Eine Leichtathletik-Weltgröße für ein paar Stunden oder Tage. Auf die Top-Prominenz legen die Ausrichter des Neujahrsmarathons keinen gesteigerten Wert. Es gibt kein Rekord-, kein Preis-, kein Startgeld. Nur eine kleine Ermäßigung: Die ersten drei 2008 werden 2009 keine Startgebühr zahlen müssen.
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